Mit Reinhold Messner rund um den Nanga Parbat

„Mit Reinhold Messner rund um den Nanga Parbat. Entdeckung der sterblichen Überreste vom 1970 verschollenen Bruder Reinholds, Günther Messner“

17.08.05

Er empfing uns schon in München vor dem Einchecken im Flughafen. Er erschien mir kleiner und schmaler, als ich ihn mir vorgestellt hatte, aber in seinen Augen lag die ganze Kraft und Überlebenswut, wie ich sie aus seinen Büchern kannte. Im sanften Morgenlicht landeten wir in Islamabad. Trotz der Frühe umfing uns schon die modrige Hitze. Wir fuhren über den Karakorum-Highway. Dies ist wohl eine der beeindruckendsten Straßen der Welt. Über 5.000 km asphaltierte Piste verbindet die indische Tiefebene mit Zentralasien. Ich sah aus dem Busfenster und staunte wie nah der Fahrer auf dem schmalen Straßenrand fahren konnte, ohne daß der marode Seitenstreifen unter den Reifen abbröckelte und wir, an die 50 Meter tief, in den brodelnden, felsgrauen Indus stürzten. Der Bus brachte uns zur Rakhiot-Brücke. Hier startete 1953 die berühmte deutsche Expedition mit Hermann Buhl als ersten Gipfelstürmer des Nanga Parbat, über Tato und weiter zur Märchenwiese. Das war auch unser Weg. Mit etwas baufälligen, luftigen Jeeps schoben wir uns durch den Staub die abenteuerliche Piste hinauf in Richtung Tato. Kurz vor dem vom Erdbeben 2002 halb zerstörten Dorf Tato sprangen zwei Buben auf unser Auto und fuhren, unbeeindruckt vom Protest des Fahrers, auf der Stoßstange mit, bis wir im Dorf ankamen. Alle Dorfbewohner waren in Aufruhr, und Reinhold wurde herzlich begrüßt. Er hat dort ein Sozialprojekt vor. Mit seiner Stiftung möchte er den Bewohnern unter die Arme greifen, damit sie ihre zerstörten Häuser wieder aufbauen können. Die Märchenwiese oder Fairy-Meadows hält, was der Name verspricht: eine 3250 m hochgelegene Alm, wo Wildblumen wuchern, klare Quellen die Wiesen durchpflügen und duftende Pinien das eindrucksvolle Bild des Nanga Parbatmassives abrunden. Reinhold erzählte von den vielen, zumeist unglücklichen Besteigungsversuchen des „Schicksalberges“. Als er von der schrecklichen Tragödie der Merkl-Welzenbach-Expedition 1934 zu sprechen kam, hatte er sich so in die Geschichte hineinmanövriert, daß ihm die Stimme versagte – er weinte. Mit einem Mal bekam man eine Ahnung von seinem Schmerz über den Verlust seines Bruders Günther bei der Nanga Parbat-Überschreitung 1970 und den Verleumdungen danach durch Bergkameraden und Presse. Wie sensibel und verletzlich er ist, konnte man seinem sehr persönlichen Buch „Gobi“ entnehmen. Dort, während seiner zermürbenden Längsdurchquerung der Wüste Gobi, hinterfragt er seine Vergangenheit und Gegenwart. Er geht sogar soweit, daß er sich die Frage stellt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn er 1970 am Berg geblieben wäre, statt des Bruders.

18.08.05

Heute sind wir, vorbei an rauschenden Bächen, auf steil abfallendem Bergrücken, wo tief unten der Gletscherfluß toste, zum Basislager der Deutschen Nanga Parbat Expeditionen gewandert. Unterwegs wurden wir von einem Schild „Welcome Messner“ empfangen und zu einer „Lassi-Pause“ in der „Messner-Lodge“ eingeladen. Vom Basislager aus, auf der edelweißgeschmückten Alm, hat man einen grandiosen Blick auf die Westseite des Nanga und kann die Buhl-Route der Erstbesteigung 1953 nachverfolgen. Einen schöneren Platz für das Grab von Alfred Drexel und für die Gedenktafel für Willy Merkl, welche bei der Tragödie 1934 ums Leben kamen, könnte es kaum geben. Als wir beim Rückweg wieder an der Messner-Lodge vorbeikamen, sah ich ganz besonders hübsche Ziegen. Ich fuhr mit meiner Hand durch das seidige Fell und sog den wilden Duft, den es ausströmte, ein. Am Abend wurden wir zum Barbecue eingeladen, wo vor einem prächtigen Feuer aufgespießt ein Zicklein garte. Es war eines aus der Messner-Lodge. Man hatte es Reinhold geschenkt.

19.08.05

Heute hatten wir einen sehr steilen Abstieg und einen Berg von 800 Hm vor uns. Danach wartete ein bereits aufgeschlagenes Lager oberhalb des Dorfes Muthat auf uns. Der Platz für das Lager war nicht gut gewählt: an einem Steilhang, zu klein und obendrein noch Steinschlag gefährdet. Reinhold war ordentlich wütend, hat das ganze Volumen seiner Stimme ausgefahren und schließlich erreicht, daß unser Lager in einem Wäldchen oberhalb aufgebaut wurde.

20.08.05

Eigentlich sollte es eine gemütliche Wanderung durch ein grünes Tal mit verstreuten Siedlungen von Muthat, mit einem Aufstieg zum Hochlager unter den Muthat-Pass am Buldar-Gletscher geben. In der Realität jedoch sah es so aus: Wir stiegen einen Steilhang hinab und querten einen Wasserfall. Es hatte angefangen zu regnen, und ich entdeckte Reinhold in einem Ziegenstall, wo wir dem schlimmsten Regen ein Schnippchen schlugen. Schließlich galt es, einen fast senkrechten, mit üppigen Blumen bewachsenen Grashügel, weglos zu erklimmen. Dieser Berg schien kein Ende zu nehmen. Als man keuchend in Serpentinentechnik den Bergrücken erreichte, tat sich dem Auge eine sensationelle Landschaft auf: zwei türkisblaue Seen, eingerahmt von endlosem Geröll, Felstrümmern und feinstem Sand und im Hintergrund die schneebedeckten Vorgipfel des Nanga-Parbat. Das „grüne Tal“ von Muthat existierte nicht mehr. Ein gewaltiges Erdbeben hatte vor zwei Jahren einen ganzen Hügel weggerissen mitsamt seinen Siedlungen, die restlos von den riesigen Felsbrocken begraben wurden. Man hatte es nicht für nötig gehalten den Reiseveranstalter hiervon in Kenntnis zu setzen. Na, mal sehen, was uns sonst noch erwartet! Mittlerweile waren wir schon sechs Stunden unterwegs. So wurde beschlossen, zum Fluß hinab zu steigen und das Lager am feinsandigen Ufer aufzuschlagen. Der Abstieg war steil und man mußte über einige Felstrümmer und Geröll klettern. Für unsere Lasttiere, die Esel, unmögliches Gelände. Umso mehr staunte ich, als die schwer beladenen Tiere zu uns herunter kamen! Jedesmal, wenn sie angekommen sind, begrüßen sie sich in endlosem Zeremoniell mit kräftigen IIIAAHHs und hüpfen vor Freude, wenn ihnen die Lasten vom Rücken genommen werden. Zwei Ziegen waren auch mitgekommen. Zum Abendessen gab es köstliche Ziegenleber.

21.08.05

Wir verließen das schöne Sandlager gegen 6.00 und hatten viel Blockkletterei vor uns. Auf ausgesetztem Pfad kraxelten wir in einer bis zweier Klettereien und wanderten auf Thymianwiesen weglos in Serpentinen bis 4.000 m hinauf zum Basislager des Muthat-Passes. Hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Vorgipfel des Nanga Parbat und ins Tal. Von dort kamen einige neugierige Einheimische. Sie hatten sich Blümchen an ihre traditionellen Kappen gesteckt und posierten willig vor Stefans Kamera.

22.08.05

Nach einer Nacht mit wenig Schlaf brachen wir auf zum Muthat-Pass. Über Geröll und teilweise vereiste Felsbrocken ging es sehr steil hinauf bis zu einem ersten Schneefeld, wo Reinhold Fixseile verlegt hatte. Nach dem 3. Seil war die Passhöhe von 5.060 m erreicht. Jetzt machten sich bei mir höllische Kopfschmerzen bemerkbar. Der Abstieg durch eine steile Rinne gestaltete sich problematisch, denn der Schotter und das Geröll kamen leicht ins Rutschen. Plötzlich ertönten ein schriller Pfiff, Warnrufe und Schreie von den Trägern, die noch oben standen. Riesige Felsbrocken sausten an uns vorbei in die Tiefe. Steine, Sand und Staub folgten. Ich schrie, hatte Todesangst. Reinhold rief, daß wir uns auf die Seite schlagen sollten, wo eine überhängende Felswand war. Wir drückten uns an die Wand, bis nur noch eine dicke Wolke Steinstaub zu sehen war. Das Gewicht des Schnees hatte die Steine verschoben und durch das Abtauen wurden sie nun locker und machten sich selbständig. Ab jetzt zählte nur noch Schnelligkeit. Wir gingen mit Stoßgebeten und weichen Knien weiter, als es schon wieder losging. Ich rannte um mein Leben, hechtete hinter einen großen Felsen, von dem ich hoffte, daß er genügend Schutz bieten mochte, robbte auf dem Bauch, so nah ich konnte, an den kalten Stein und schloß die Augen. Stefan hatte sich auf mich geworfen und brüllte: „Das ist Krieg!“ Stück für Stück tastete ich mich den Berg hinab, immer mit der Angst im Nacken, es könnten wieder Steine fliegen. Ich war froh, als ich in etwas flacheres Gelände kam. Ich ließ mich einfach fallen, ergab mich dem Sand und den Steinen, ließ mich mit ihnen nach unten treiben. Abschließend zum heutigen Tag sagte Reinhold: „Diesen Teil der Tour kann man nicht empfehlen, außer Lebensmüden“. Eigentlich schade, denn die Strecke nach dem Muthat-Pass war wunderschön. Den 6.830 m hohen Chonga im Rücken, gingen wir über die Almwiesen von Doian und Harchi mit ihren vielen gurgelnden Bächen und balancierten auf wackligen, übers Wasser gelegte Baumstämme. Das Rauschen des Wassers, das uns schon eine geraume Zeit begleitete, machte meinen entsetzlichen Durst noch schlimmer. Insgesamt waren wir ungefähr 12 Stunden unterwegs, und als wir mit ausgedörrter Kehle in den „Park“ des Hotels in Rama kamen, standen dort zwei pakistanische Engel mit eiskalter Pepsi, um uns zu empfangen.

23.08.05

Wenn man Glück hat, kann man die sonst unter Verschluss gehaltenen Frauen auf dem Feld arbeiten sehen. Dieses Glück hatten wir, als wir aufbrachen und mit dem Jeep nach Tareshing fuhren. Unser offenbar bekiffter Fahrer war gut gelaunt und lieferte sich mit dem anderen Fahrer ein rasantes Wettrennen, bei dem wir uns gut festhalten mußten, um nicht aus dem Wagen zu fliegen. Wenn wir Frauen entdeckten, fuhr er extra langsam und freute sich, wenn Stefan schneller war, als die scheuen Damen und sie mit seiner Kamera erwischte, bevor sie sich umdrehen und ihr Gesicht verhüllen konnten. Aber ihr verschmitztes Lachen voller Charme zeigte uns, daß sie es ihm nicht übel nahmen. Die Piste war abenteuerlich und folgte den brodelnden Wellen des steingrauen Astors. Begleitet von den neugierigen Blicken der männlichen Bewohner durchfuhren wir außer der Stadt Astor noch einige andere kleinere Orte, bis wir Tareshing erreichten und von einem großen Transparent „Welcome Messner and his team“ empfangen wurden. Der ganze Ort hatte sich an unserer Campingwiese versammelt, die zu einem angrenzenden Restaurant gehörte. Reinhold wurde mit Blumengirlanden behängt. In vier Tagen ist es soweit, da kommt unsere Schlüsselstelle, der Mazeno-Pass, über welchen Mummery 1895 völlig erschöpft auf allen Vieren kroch und sich schwor: nie wieder Mazeno-Pass! In der untergehenden Sonne konnte man wunderbar einen Teil der Südostflanke des Nanga Parbats mit dem Hauptgipfel als kleine weiße Pyramide und dem Rakhiot-Peak betrachten. Jetzt liegen wir im Zelt, während es draußen regnet und gewittert.

24.08.05

Bald kamen wir in ein schönes Tal und nach einem Hügel breitete sich vor uns der Chungpar-Gletscher aus, ein Toteisgletscher, nichts als Geröll und schwarzes Eis mit tiefen Spalten, in denen das Wasser rauschte. Ein abgestürzter toter Esel erinnerte uns daran, daß man hier vorsichtig gehen muß, denn der feine Schotter auf dem blanken Eis kommt gern ins Rutschen. Endlich hatte auch das Toteis sein Ende und es ging wieder bergab auf die Hochweide nach Tap, wo Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde weideten und sich endlich die Rupalwand vor uns auftürmte. Als ich mich am zehn Minuten entfernten Bach waschen gehen wollte, hörte ich dicht neben mir einen schrillen Pfiff. Ich drehte mich um und da hockte ein prächtiges Murmeltier mit glänzendem, rotbraunem Fell und dunkler Gesichtsmaske, ganz nah neben mir. Seine Kameraden kamen nun aus den umliegenden Bauten, wie um zu sehen, was es neues gäbe. Ich genoß den herzigen Anblick, bis ich mich wieder in Bewegung setzte und man sich empfahl. Unser Lager befindet sich genau unter der Rupalflanke, die Reinhold in Erstbegehung 1970 mit seinem Bruder Günther hinaufgestiegen ist. Wo jetzt unsere Zelte stehen, befand sich das Basislager der Herrligkoffer-Expedition, an der die beiden Brüder teilgenommen hatten. Reinhold erzählte uns noch einmal die ganze traurige Geschichte der Expedition, bei welcher er seinen jüngeren Bruder verlor. Man hat vor ein paar Monaten wieder Knochen, ein paar Haare, Stoffetzen und vor allem einen Schuh gefunden; Reinhold soll die Sachen am Fundort identifizieren. Vorher allerdings müssen wir noch über den grausigen Mazeno-Pass, der diesmal im Abstieg vereist sein soll. Heute ist es etwas kühler und es hat geregnet.

25.08.05

Nachts gingen am Nanga Parbat zwei große Lawinen ab. Morgens erzählte uns Reinhold, daß hier vor zwei Jahren eine gewaltige Lawine angerauscht kam, die alles Leben auf diesem Platz vernichtete. Mehr als 200 Kühe, Schafe, Ziegen und Pferde kamen um. Nur der Hirte konnte sich in ein Erdloch unter einem großen Stein retten. Auf dem Weg nach Shaigiri sind wir bei einem Camp vorbei gekommen. Dort hält sich Steve House, einer der zehn weltbesten Bergsteiger auf, um über die Rupalwand auf den Gipfel des Nanga Parbat zu steigen. Wir wünschten ihm und seinen Kameraden viel Glück und zogen weiter. Shaigiri stellte sich als Ansammlung kleiner Hütten dar und überall sprudelten die Quellen. Nach einer Kuppe empfing uns der Mazeno-Gletscher und begleitete uns bis zu unserem Lager Gurre Gurre. Hier unter den Augen des Toshe-Peaks, werden wir die Nacht verbringen. Unsere Jungs veranstalteten ein Fest. Ein Feuer aus getrocknetem Kuhmist wurde errichtet und ein Plastikfaß diente als Trommel, zu deren Rhythmus geklatscht, gesungen und getanzt wurde. Später forderte man auch uns auf zu tanzen und wir kamen bei der Höhe ganz schön außer Atem.

26.08.05

Um 8.00 Uhr machten wir uns auf zum Hochlager des Mazeno-Passes. Ich bin sehr kurzatmig und alles fällt schwer. Hoffentlich komme ich morgen den Paß gut hinauf, damit ich noch Kraft für den schwierigen Abstieg habe. Unser Lager liegt jetzt 4.800m hoch auf dem Mazeno-Gletscher.

27.08.05

Der Mazeno-Pass, 5.350m hoch, sah von unten gar nicht so wild aus. Als wir endlich oben ankamen, hab ich mich hingeworfen und geatmet und geatmet. Der Abstieg! Reinhold hatte Fixseile über den steil abfallenden Schotter verlegt, was die Sache wesentlich vereinfachte. Ich hatte mich mit meinem Karabiner gesichert, stellte aber schon nach ein paar Metern fest, daß das Seil zu Ende war. Der Weg war auch so gut zu bewältigen. Bald entdeckte ich viel weiter links von mir ein weiteres Seil, ich war also auf der falschen Spur. Gerade als ich dies feststellte, gab der Schotter unter mir nach, und ich konnte mich eben noch mit einem Sprung auf einen etwas größeren Stein retten und hoffen, daß er hielt und nicht mit mir nach unten sauste. „Vorsicht Steine!“ und ein Pfiff ließen mich nach oben blicken. Ich sah, wie faustgroße Felsklumpen nach unten flogen. Was ich hörte, war noch grausiger. Ein Stein, ziemlich nah, „pfiff“ an mir vorbei. Ich wußte nicht, dass Steine beim Fallen pfeifen. Ich will es auch nie wieder hören. Etwas weiter unten brüllte Reinhold, daß wir aufpassen sollen. Als ich mich zu ihm vorgearbeitet hatte, war er schon ganz heiser. Ich war froh, daß ich mit Abseilen Erfahrung hatte, denn für dumme Fragen war hier keine Zeit. Der Steinhagel trieb uns zur Eile an. Nachdem wir wohlbehalten, ohne Loch im Kopf, unten ankamen, ging es zunächst über unzählige Spalten des Loiba-Gletschers und danach über schier endlosen Moränenschutt zu unserem Lager.

28.08.05

Nachts schneite es und das Geräusch der abgehenden Lawinen war fast schon vertraut. Und wieder wartet ein Paß auf uns. Diesmal war unser Zelt völlig eingeschneit. Nach dem mickrigen Frühstück (ich kann die Tschapaties nicht mehr sehen!) stapften wir durch den Schnee den steilen Berg hinauf. Der Schotter war durch den Schnee recht fest, jedenfalls solange nicht die Sonne drauf schien. Kurz vor der Paßhöhe hieß es dann in einer bis zweier Kletterei nach oben streben. Was nicht besonders easy war, denn der Fels war brüchig und jeden zweiten Stein, an dem ich mich hochziehen wollte, hielt ich plötzlich in der Hand. Endlich, am Serguliue Ban-Pass angekommen, ging es im megasteilen Geröll abwärts, zunächst vereinfacht an Fixseilen, dann rutschten wir auf den Schuhen den restlichen schneebedeckten Hang hinunter. Die Träger machten sich einen Spaß daraus, sich auf unsere schweren Reisetaschen zu setzen und den Hang hinunterzusausen. Auch das andere Gepäck überließ man der steilen Rodelbahn, wobei sich eine Tonne mit Küchenutensilien öffnete und der ganze Krempel nach unten schepperte. Wir bangten schon um unser Blechgeschirr und mutmaßten, jetzt keine Teetassen mehr zu haben, aber es kam alles, wenn auch mit ein paar Beulen, am Fuß des Berges an. Wir beobachteten das Spektakel von unten und applaudierten nach besonders gelungenen Darbietungen. Jetzt hatten wir noch zwei Stunden Geröllmarsch vor uns, bis wir ziemlich erschöpft nach insgesamt acht Stunden endlich im Diamirtal in unserem Zeltlager Serguliue Ban waren. Dort werden wir vier Nächte bleiben! Hier ist es grün, es gibt Sträucher, Bäume, Blumen und Kräuter. Hübsche Ziegen laufen herum und die Kinder aus dem nahen Dorf bestaunen meine blonden Haare, obwohl einige von ihnen selbst richtig blond sind. Auf dem Weg hierher präsentierte sich uns wieder der Nanga Parbat, diesmal von seiner, schönsten Seite, der Diamirflanke. Reinhold ist hier als Teilnehmer der Herrligkoffer-Expedition 1970 mit seinem Bruder Günther abgestiegen. Günther war, nach dem Aufstieg zum Gipfel über die Rupalwand, der höchsten Steilwand der Erde, höhenkrank geworden und hätte den sehr schwierigen Aufstiegsweg zurück nicht mehr geschafft. Der anstrengende und lange Abstieg, mit zwei Biwaks, ohne Proviant und Ausrüstung, brachte auch Reinhold an seine Grenze. Dennoch schaffte er es, den Bruder durch die schwierigsten Passagen des Berges zu bringen. Eine Eislawine wurde Günther, der schon fast ganz unten war, zum Verhängnis und für Reinhold bedeutete Günthers Tod ein tiefer Einschnitt in seinem Leben. Zu der ohnehin schon entsetzlichen Tatsache, daß er seinen Bruder verloren hatte, setzten seine eigenen „Bergkameraden“ von damals das Gerücht in die Welt, Reinhold hätte seinen Bruder sterbend in 7.000 m Höhe zurückgelassen und seinem Ehrgeiz geopfert, als erster Mensch einen Achttausender überschritten zu haben. Seit 35 Jahren wird er mit dieser Ungeheuerlichkeit gequält. Aus diesem Grund waren ihm die neuerdings gefundenen Überreste seines Bruders nicht nur emotional von Bedeutung. Denn der Fundort, ca. 4.600 m am Fuß der Diamirseite des Nanga Parbats, auf dem sich ständig bewegenden Gletscher, bestätigte seine Aussage und ließ seine Gegner zu „Schafsköpfen“ werden, denn die wollten sie sein, würde man Günthers Leiche auf der Diamirseite finden! Morgen wird Reinhold die Fundsachen von Günther identifizieren. Wir wollen den Diamirgletscher durchforsten, um vielleicht noch mehr von Günther zu finden. Wir standen am Feuer, das die Träger entfacht hatten. Über uns war ein klarer Sternenhimmel mit einer hellen Milchstraße. Im Hintergrund hob sich ganz zart und schemenhaft der Nanga Parbat von der Dunkelheit der Nacht ab.

29.08.05

Auf dem Weg zum 4.300 m hochgelegenen Diamir-Basecamp über den Gletscher schauten wir nach weiteren möglichen Überresten von Günther. Ganz in der Nähe der aufgebauten, von den bereits vor Monaten gefundenen Stücken, entdeckte ich an einem Stein einen fast weißen, faserigen Stoffstreifen. Ich zog daran und zum Vorschein kam ein nasses, hellgelbes Stück Stoff, ca. 20 mal 30cm groß, mit Druckknöpfen und Reißverschluß. Reinhold erkannte das Gebilde als Rest von Günthers Überhose, welche allerdings vor 35 Jahren ein kräftigeres Gelb gehabt hatte. Er legte meinen Fund zu den anderen Sachen. Da waren ein Beckenknochen, zwei Teile einer Wirbelsäule, ein Büschel dunkler Haare, von dem Reinhold meinte, daß sie etwas ausgeblichen sein müßten, denn Günther hatte dunklere Haare, und ich glaube, ein Oberschenkelknochen. Außerdem lagen noch mehr von den gelben Stoffetzen herum. Der wichtigste Fund allerdings blieb für Reinhold ein alter Bergschuh, dessen Bändchen an den vordersten Ösen des Schuhs zur raffinierten Befestigung der Steigeisen, nur die Messner-Brüder hatten. Daneben lag eine Socke, welche noch fünf völlig intakte Zehennägel beherbergte und deren Gegenstück sich im Schuh befand. Jemand wollte nach der Marke des Strumpfes forschen, aber Reinhold winkte ab: es waren von seiner Mutter selbst gestrickte Socken. Unser Doc versuchte vergeblich, den Schnürriemen des Bergschuhs zu öffnen und mußte ihn schließlich aufschneiden, um an den mumifizierten Fuß zu gelangen, der im Innenschuh steckte. Von dem erhaltenen Gewebe nahm er Proben, um sie in Deutschland genetisch untersuchen zu lassen. Am Diamir-Basecamp angekommen, befestigte Reinhold an einem, wie auf die Wiese gewürfelten Felsen, ein Schild: „Günther Messner 29.06.70 + . Der Rückweg war weniger beschwerlich, da wir jenseits des Diamir-Gletschers den Weg über Bergwiesen nahmen. Über dieses Gelände schleppte sich Reinhold vor 35 Jahren, halluzinierend, am Ende seiner Kräfte, aber mit einem Höchstmass an Überlebenswillen. Auf der Höhe unseres Lagers mussten wir noch einmal den Gletscher überqueren, wir brauchten dazu eine halbe Stunde. Reinhold hat damals mit seinen erfrorenen Zehen und blutenden Füßen einen halben Tag benötigt. Abends wurde von den Einheimischen und unseren Trägern abermals ein großes Feuer entfacht, getanzt und gesungen. Reinhold war recht still und auch wir sagten nicht viel. Keiner nahm die Aufforderung zum Tanzen an. Aber es war gut, einfach nur dazusitzen, die denkwürdigen Erlebnisse dieses Tages, untermalt vom rhythmischen Tanz der Pakistani um das Feuer, noch einmal vor dem inneren Auge aufleben zu lassen.

30.08.05

Um 11.00 Uhr haben wir uns auf den gegenüber vom Zeltlager liegenden Hügel begeben. Um dorthin zu gelangen, mußte man durch ein abgestorbenes Waldstück steigen. Von dort nahmen wir Holz mit. Reinhold hatte nach vorheriger Abstimmung mit seinen Geschwistern entschieden, daß die menschlichen Überreste seines Bruders auf diesem Hügel verbrannt werden sollen. Sehr sorgfältig wurde von dem mitgebrachten Holz ein Turm errichtet, in dessen Innerem die Knochen von Günther Messner lagen. Reinhold bat den Doc etwas zu sagen und es wurde eine kurze, klare Rede gehalten. Dann waren wir sehr lange still und schauten auf das Feuer. Die Flammen tanzten hoch hinauf, umzingelten das Bild des Nanga Parbat im Hintergrund mit seinem für Günther todbringenden Gletscher. Nachmittags gingen Stefan und ich ins Dorf, um Fotos zu machen. Die Kinder waren ganz wild darauf, sich in der Digitalkamera zu betrachten. Sie spielten ein traditionelles Spiel mit Stöcken, die sie durch die Luft schlugen. Mit einigem Entsetzen bemerkte ich dann eine komplette aufgeblasene Ziegenhaut, welche über den Platz gewirbelt wurde. Man hatte Stefan gebeten, keine Bilder von den Häusern zu machen. Als wir nach dem Grund fragten, bekamen wir zur Antwort: da sind die Frauen drin.

31.08.05

In der Frühe sind wir nochmals zum Diamir-Basecamp aufgebrochen. Doc hatte sich ein Pferd zugelegt. Es schien eigentümlich unwirklich, wie er durch die Weite auf den gigantischen schneebedeckten Nanga Parbat, der sich scharf am klaren blauen Himmel abzeichnete, zugaloppierte und bald verschwunden war, als hätte ihn der Berg geschluckt. Nach 500Hm kamen wir im Basecamp an. Dort wurde eine Tschorte für Günther errichtet; ein tibetanisches, pyramidenförmiges Steinmonument, bestehend aus sieben Stufen. Ich pflückte ein paar Blumen und gab ein Kreuz mit einem Strassstein in den Strauß hinein. Dieses Bündel legte ich auf die noch nicht fertige Tschorte und plazierte gleich weitere Steine auf die Blümchen. Nach Fertigstellung des Denkmals bekamen wir ein wenig Reis. Wir riefen dreimal gemeinsam mit Reinhold: „Yak yelo!“ (was soviel bedeutet wie: die Götter waren gnädig) und warfen dabei den Reis in die Luft. Reinhold schien danach auf irgendeine Art erleichtert. Er saß ruhig auf der Wiese, den Blick auf seinen Schicksalsberg, den Nanga Parbat, gerichtet. Wir, die ihn in diesen Tagen begleiten durften, wünschen ihm, dass nun Frieden ist, das er nun auch Herrligkoffer, v. Kiehnling, Saler und Konsorten endlich begraben kann. Zurück im Lager unterbreitete er uns nochmals seine sozialen Pläne. Dabei fragte er auch nach unserer Meinung. Ich erzählte von Nepal, wie ich die vielen rosa Zettel am Wegrand vorfand und man mir dort erklärte, daß dies ein Hinweis ist, wann und wo der Arzt anzutreffen sei. „Fliegender Arzt“, nennt man das. So eine Lösung könnte man doch auch hier anstreben, schlug ich vor. Die Idee fand er großartig. Unser Doc, Prof.Dr.Rudolf Hipp, will sich darum kümmern. Reinhold will auch dafür sorgen, daß an bestimmten Orten Lodgen entstehen sollen, um so den Tourismus anzukurbeln. Außerdem soll die vom Erdbeben zerstörte Schule in Tato wieder aufgebaut und den Obdachlosen geholfen werden.

01.09.05

Der lange Marsch zurück durchs Industal, vorbei an den Orten Kachal und Sair, wo sich die von Reinhold gegründete Günther-School befindet, quälten wir uns bei brutaler Hitze auf abenteuerlichem Weg die Schlucht entlang. Auf diesem Weg, wo 100 m tiefer der Indus brauste, wurde Reinhold 1970 schwach und krank, nach langen Verhandlungen, stundenlang getragen. Zu der Zeit gab es auf dem jetzt noch heiklen Weg schwierige Kletterpassagen. Wir erreichten die Piste nach drei Stunden, an der die Jeeps auf uns warteten und bekamen Gott sei Dank etwas zu trinken. Unser Jeepfahrer war freundlich, aber seine Fahrkünste bereiteten mir einige Sorgen. Auf der ausgesetzten Straße mußte er in den engen Kurven den sperrigen Jeep immer zurücksetzen, was jedesmal spannend war, denn er bekam erst im letzten Moment den Rückwärtsgang hinein, während der Wagen schon auf den Abgrund zurollte. Bald waren wir wieder in der Zivilisation. Reinholds Fahrer war schneller, vielleicht war er bekifft? Reinhold empfing uns gutgelaunt und frisch gewaschen vor der Hoteleinfahrt und ich konnte endlich duschen.

05.09.05

Abreisetag. Schwerbeladen mit unzähligen Eindrücken von einem Land, vor dem man in Deutschland gewarnt wird, treten wir die lange Heimreise an. Während wir zwei Stunden lang die unvermeidlichen Rituale im Flughafen ertragen, denke ich an die frische Luft in den Bergen des Himalajas. Ich wandere wieder durch die weite Einsamkeit, gehe über Geröll und Schuttmoränen, springe von Felsen zu Felsen und klettere über hohe Pässe. Ich höre das Rauschen der Gletscherflüsse, das Pfeifen der Murmeltiere und das verrückte „IIIAAAHH!“ der Esel. Von weit her höre ich eine Lawine abgehen und sehe ganz deutlich und klar vor strahlend blauem Himmel die schneebedeckte weiße Diamir-Flanke des deutschen Schicksalberges; den Nanga Parbat.