IRONMAN MALLORCA 2015

Mein zweiter Ironman: sag niemals „Nie“

Eigentlich sollte es laut Absprache mit Stefan bei dem IRONMAN in Frankfurt 2014 bleiben. Aber wie das so ist… manchmal muss man Absprachen auch korrigieren und ich bin froh und dankbar, dass mein Mann auch diesmal wieder Verständnis für meine Langdistanzleidenschaft zeigte, denn sonst hätte ich dieses tolle Erlebnis nicht gehabt.
Leider hatte er aber beschlossen, mich diesmal nicht zu begleiten.

Angefangen vom Auseinandernehmen des Radels bis hin zum Zusammenbau am Donnerstag, einen Tag vor dem Einchecken auf Mallorca, war ich zum ersten Mal ganz allein auf mich gestellt. Das war sozusagen für mich die erste Disziplin. Das Zerlegen zu Hause ging nach anfänglichen Schwierigkeiten doch ganz gut. Beim Zusammensetzen im Hotelzimmer bekam ich dann aber doch Probleme mit dem Cockpit, weil ich dachte ich hätte eine Schraube verloren. Patschnassgeschwitzt und in Panik versuchte ich wenigstens die Räder zu montieren, aber auch das klappte jetzt einfach nicht mehr. Im Hotel war kein Bike-Service, also schnappte ich den Rahmen und die beiden Räder und lief die 1000m zur Strandpromenade, wo ich auf den stolzen Spanier „Alfredo“, einem Teilnehmer, traf, der mir seine Hilfe anbot. Nach einigem hin und her, weil er selbst nicht mehr wusste wo sich das Geschäft befand, in welchem auch er sein Rad zusammenbauen ließ, führte er mich schließlich zu einem Radlgeschäft, welches sich unweit vom Radcheckin befand. Unterwegs erzählte er in seinem spanischen Englisch von seinen Wettkämpfen in Mexico und schwang dabei meine Räder hoch über seinen Kopf. Als er merkte, dass ich nur die Hälfte verstand, wurde er etwas ruhiger.

Der Bikeservice war vollkommen überfordert und sagte, ich soll mein Schneewittchen einfach über Nacht dort lassen. Für mich ein unvorstellbarer Gedanke. Ich blieb eine halbe Stunde stur in der Werkstatt stehen, stand im Weg rum und war den Tränen nahe. Dann hatte schließlich der Chef doch Mitleid und baute mein Schneewittchen höchstselbst zusammen. Glücklich fuhr ich zurück ins Hotel und hatte eine relativ ruhige Nacht.

Vor dem Einchecken am nächsten Tag, drehte ich eine Runde im Pool, strampelte ein bisschen durch die Gegend und machte ein kleines Läufchen an der Strandpromenade. Während der Wettkampfbesprechung erfuhr ich, dass auf der Radstrecke keine Gels gereicht würden und ich rüstete mich entsprechend aus.

Am nächsten Morgen wachte ich nach 6 Stunden Schlaf relativ ausgeruht auf und begab mich nach einem kleinen Frühstück zum Strand. Dort herrschte ein bisschen Durcheinander, weil die durch den Lautsprecher verkündete Anweisung, die weißen Wechselbeutel im Athlets-Garden abzugeben, sich als falsch erwies und so sah man weißbebeutelte Athleten in Gummianzügen planlos hin- und- her laufen. Ich war eine davon.

So war es dann wieder recht knapp und ich musste schon wieder rennen und über die Absperrungen klettern um zu meiner Zeitgruppe für den Wellenstart zu kommen. Anders als vor 6 Wochen beim Halfironman in Wiesbaden ordnete ich mich aber diesmal selbstbewusst in die Gruppe 1:30 Std ein, damit ich beim Schwimmen nicht wieder die Füße des Vordermanns im Gesicht hätte. Das war eine kluge Entscheidung, denn ich hatte so keinerlei Probleme, auch wenn der Eine oder Andere mal an mir vorbeizog. Es war herrlich an diesem wunderschönen Morgen die 3,8 Kilometer im Meer zu schwimmen. Neopren war den Agegroupern erlaubt und nur die Profis mussten schutzlos starten. Unter mir wogten die Meeresalgen und tummelten sich winzig kleine Fische. Ab und an sah ich skurile Gegenstände, wie zum Beispiel ein zerfleddertes Buch und einen aufgeklappten Sonnenschirm durchs Wasser schweben. Plötzlich hatte ich einen etwas beleibten Herren an meiner Seite hängen und verließ mich darauf, wenn er schon in meinem Wasserschatten schwimmt, dass er wenigsten ab und zu schaut, wohin geschwommen wird. Leider tat er dies nicht und ich stellte nach einiger Zeit entsetzt fest, dass wir weit abgetrieben waren. Ich bin sicher, er hat meine Flüche gehört und ich versuchte die verlorene Zeit wieder gut zu machen, was mir auch ganz gut gelang ohne dabei zu viel Kraft zu verschwenden. Beim Schwimmausstieg wagte ich einen Blick auf meine Zeit und war überrascht, wie schnell ich für meine Verhältnisse voran gekommen war. Trotz des Schwimmens im Meer war ich vier Minuten schneller als beim IM Frankfurt.

Beflügelt von dieser Tatsache rannte ich die 500m durch die Wechselzone, schwang mich aufs Rad und hatte vergessen mich mit Sonnenschutz einzucremen.

Jetzt ging es erstmal unter Palmen flach dahin, dann durch malerische Hügellandschaft mit kleinen Dörfern, Fincas, Orangenplantagen und Yasminsträuchern. Der Duft und die Landschaft waren mir noch von meinem letzten Trainingscampaufenthalt mit den Tricampern gut vertraut.

Das lange Fahren im flachen Gelände ermüdete mich dann doch etwas und ich freute mich auf die nächste Herausforderung. Bei Kilometer 110 begann der berühmt berüchtigte Aufstieg nach Luc. Letztes Jahr war ich auch mit schon 100 Kilometern in den Beinen diesen 10 Kilometer langen Berg hinaufgefahren und war froh, als es endlich, endlich wieder bergab ging. Auch dieses Mal war ich wieder froh, vor allem weil sich an meinem linken Fuß eine Blutblase gebildet hatte und ich große Schmerzen bekam wenn ich Druck auf die Pedale gab.

Aber ich war nicht nur froh, ich freute mich irrsinnig auf die Serpentinenabfahrt und hoffte, dass ich hier nochmal richtig Tempo machen konnte. Etwas verunsichert über den Hinweis, dass man die Mittellinie nicht überfahren solle, ging ich das Thema etwas verhalten an. Aber dann kam Daniele Arcari. Ein verwegen aussehender Typ im Faris Al Sultan- Style (nur mit mehr Umfang und knielangem Trisuit). Er überholte mich grinsend und ich setzte ihm nach. Wir sausten zu zweit den Berg hinunter und ich freute mich, wie wir an den manchmal etwas verkrampften Athleten einfach vorbeirauschten. Unten angekommen, bedankte ich mich bei Daniele und setzte meinen Weg alleine fort. Er ließ es auf der Ebene wieder gemütlich angehen und freute sich sicher jetzt schon auf ein kaltes Bier.

Nach 6:40 Std war der Radspaß vorbei und ich freute mich auf den Trubel der Strandpromenade, wo ich die 42 Kilometer Marathonlauf in vier Runden zu absolvieren hatte. Die Blutblase war nun in den Laufschuhen nicht mehr zu spüren und ich fühlte mich gut. Jetzt konnte nicht mehr viel passieren, was einen Zieleinlauf verhindert hätte. Ich schmiss relaxed mein Sechserschnittmaschinchen an und so ging es unter Palmen dahin in den Sonnenuntergang. OK… das war jetzt ein wenig übertrieben. A bissl Quälerei wars dann doch noch am Schluss und ich ließ keine Gelegenheit aus, mir Gels, Wasser, Iso und Orangenschnitze einzuverleiben. Mein Zieleinlauf fand im Dunkeln statt, was sehr schön war, denn die Stimmung am Ziel war gigantisch. Bunte Lichter und der deutliche laute Ausruf „ANGELIKA YOU ARE AN IRONMAN“ ließ mich sanft die letzten Meter ins Ziel schweben.

Ich bekam eine wunderschöne Medaille mit Palmen umgehängt.

Ich rief diesmal zuerst meine Mama an.

Leider gab es keine warmen Duschen am Strand, nur die eiskalten Rinnsale für die Touristen, damit sie sich das Salz nach dem Schwimmen von der Haut spülen konnten. Ich stellte mich auch dieser, meiner letzten Disziplin und duschte im Evakostüm.

Trotz der Aludecken begann ich bald danach zu zittern und am ganzen Körper beben. Der Masseur holte noch eine zweite Folie und packte meinen Oberkörper warm ein, während er gekonnt meine Beine bearbeitete. Aber es half nichts, das Zittern hörte nicht auf. Dennoch schaute ich mir noch die Rockgruppe an, die der Veranstalter statt der Duschen hatte kommen lassen und bekam nochmal zusätzlich Gänsehaut bei „Knocking on heavens door“.

Nachdem ich nach langen planlosen Umwegen endlich die Wechselzone fürs Rad wiedergefunden hatte, machte ich mich auf den Heimweg. Radfahren im Stehen war diesmal besser als laufen, auch ohne Licht. Im Hotel angekommen wurde mir plötzlich heiß, so dass ich alle Fenster aufriss. Ich lag schlotternd im Bett und hatte Fieber. Ich klapperte mit den Zähnen und fror und schwitzte gleichzeitig. Dabei taten mir die Fingerkuppen so höllisch weh, dass ich ein Schmerzmittel nahm, was die Sache etwas verbesserte. Aber die Fingerkuppen waren ritzerot und dick geschwollen. Die Nerven unter meinen Nägeln jubelten und machten einen Trommelwirbel. Trotz der wahnsinnigen Müdigkeit konnte ich nicht schlafen. Ich musste die Bettseite und die Nachtwäsche wechseln, da alles durchgeschwitzt war. Dabei sah ich nicht besonders verbrannt aus, aber die Sonne hatte mir offenbar doch sehr zugesetzt.

Aber was war das schon… was war das bisschen Aua gegen dieses wunderbare Rennen auf Mallorca.