IRONMAN LANZAROTE 2017

Prolog

Meine letzte Langdistanz sollte es etwas besonderes sein und ich wollte unbedingt einen Klassiker als Schlusspunkt setzen. Ich entschied mich zunächst für Nizza und besorgte mir für meine Tacx-Rolle das entsprechende Videomaterial. So lernte ich wenigstens theoretisch die schöne, anspruchsvolle Radstrecke durch die französischen Seealpen kennen, bis ich die Nachricht erhielt, dass der Wettkampf aus Gründen der Pietät, bezüglich des Attentates in Nizza vor einem Jahr, bis auf weiteres abgesagt wurde. Ich konnte wählen, ob ich warten wollte, bis mir ein neuer Termin genannt würde, oder mich zu einem anderen Wettkampf ummelden möchte. Mir schien es zu riskant abzuwarten, da ich mit Stefan auch noch andere Reisepläne hatte und da ich dachte, dass meine zweite Wahl, der Lanzarote-Ironman bis dahin vielleicht ausgebucht sein könnte, cancelte ich Nizza um in Lanzarote starten zu können. Man sagt sie sei die schwerste aller Ironman-Langdistanzen, endlose Höhenmeter, ständiger Wind von allen Seiten und auf der schattenlosen Laufstrecke brütende Hitze. Das war genau das richtige für mich… irgendwie klang das auch ein bisschen nach Hawaii…

Der frühe Termin, 20.Mai, machte mir ein wenig Bauchschmerzen und ich ließ mir zu Weihnachten Videomaterial zur Lanzarote-Radstrecke schenken, da ich wusste, dass ich einen Großteil des Wintertrainings auf der Rolle verbringen musste. Im Februar bastelte ich mir mein eigenes Trainingslager in einem Erwachsenenhotel auf Lanzarote in Costa Teguise, ich verbrachte dort mit Stefan 10 wunderschöne Tage mit gutem Essen und in angenehmer Atmosphäre. Am ersten Tag kletterte ich mit meinem Schneewittchen trotz Sturm und Regen Richtung Mirador del Rio. Stefan der mich mit seinem Motorroller begleiten wollte, machte nach der Hälfte kehrt und flüchtete frierend und durchnässt mit meinen Trinkflaschen zurück zum Hotel. Ich war auch durchnässt, aber zum Frieren kam ich erst später, als ich wieder bergab fuhr. Der stürmische Wind gab mir den Rest, aber ich war stolz und zuversichtlich, nachdem ich diese erste Feuertaufe bestanden hatte. Der Wind konnte mir fortan nichts anhaben und ich bereute keine Sekunde mich für meine Hochprofilfelgen entschieden zu haben. Wir machten noch viele schöne Radausflüge und ich erkundete in zwei Etappen die Ironman-Radstrecke.

Am 16.Mai landeten wir erneut auf der Insel und wurden diesmal mit höheren Temperaturen und dem natürlich wieder heftigen Passatwind empfangen. Die Sonnenschirme auf unserer Hotelterrasse in Puerto del Carmen wurden durch die Luft gewirbelt und einer davon flog genau vor meine Flip-Flop-Füße. Das konnte ja heiter werden… Am nächsten Tag machte ich mich mit der Schwimmstrecke vertraut und fuhr mit Stefan, der wieder einen Motorroller gemietet hatte, mit dem Rad nach La Santa, um die Startunterlagen abzuholen. Der Sport-Club La Santa organisiert seit 1998 den Ironman Lanzarote, dessen Ziehvater allerdings nach wie vor der außergewöhnliche, wunderbare dänische Race-Director Kenneth Gasque ist und der das Rennen bereits 1992 mit 131 Startern auf die Insel holte.

So oft es die Zeit zuließ fuhren wir zum Mittagessen nach El Golfo, um köstlichen Fisch und Meeresfrüchte zu genießen. Mit Hardy, der ebenfalls beim Wettkampf startete und mit seinem Bruder im gleichen Hotel wie wir residierte, fuhr ich ein paar Radkilometer der Radstrecke ab. Es lief alles so glatt und harmonisch, wie ich es noch nie vor einer Lang- oder Halbdistanz erlebt hatte. Alles war sehr entspannt und Stefan stand mir stets mit Rat und Tat zur Seite. Er hatte sich akkreditieren lassen und hatte Zugang zu fast allen Bereichen auf allen Strecken. Er entschied sich als erstes für das Fotografieren der Schwimmstrecke auf einem Boot und freute sich darauf.

Wettkampftag

Ich brach eine Stunde vor ihm auf und schlenderte mit Hardy gemütlich zur WT1 um die Räder aufzupumpen. Es gab aber keine Pumpen. Daher geriet ich wie immer ein wenig in Panik, da ich am Vortag die Luft aus den Reifen gelassen hatte, damit sie in der Hitze nicht platzen. Endlich sah ich eine Menschenschlange, die sich mit ihren platten Rädern vor drei Helfern aufgereiht hatte, die fleißig pumpten. Das war‘s aber schon an Aufregung gewesen. Sonst lief alles nach Plan.
Das letzte Gel vor dem Schwimmstart wurde zwischen die roten Lippen gedrückt und ich hoffte, der wasserfeste Lippenstift würde wieder bis zum Zieleinlauf halten. Es waren ne Menge alter Weiber wie ich unterwegs… ich hoffte, dass ich sie nach dem Schwimmen alle wieder einholen würde, aber ich rechnete nicht wirklich damit unter die ersten fünf zu kommen.
Ich ordnete mich im hinteren Drittel der Starter ein und zitterte dem gefürchteten Massenstart entgegen. Die werden doch wohl Rücksicht nehmen und mich hübsch an der Bojenkette entlang schwimmen lassen… so hatte ich es jedenfalls gemacht, als ich tags zuvor die Strecke abgeschwommen bin und es war easy.

Schwimmen: Das erste Gefecht

Aber dann kam alles anders. Das Startsignal ertönte und kaum im Wasser wurde ich schon niedergetrampelt und konnte mich gerade noch so aus der übelsten Gefahrenzone retten. Es war wieder ein Schlagen und Treten, ein Gehaue und Gehacke, ein Prusten und Japsen, ein Brüllen und Fluchen… viel schlimmer als in Roth. Das hatte nichts mit Schwimmen zu tun. Das war Krieg.

Nach der ersten Boje wird’s besser, hieß es, aber das stimmte nicht, es war immer noch eng, ich bekam Tritte und Schläge und immer wieder zog sich jemand an mir vorbei und benutzte mich als Haltegriff. Die Sonne stand noch tief und schien mir gemein in meine zartblau getönten Gläser meiner geliebten Head-Schwimmbrille und ich beschloss, mir doch noch eine mit dunklen Gläsern zu gönnen. Ich war einen großen Bogen geschwommen und hatte Probleme mit der Orientierung, da ich durch das gleißende Sonnenlicht kaum etwas sehen konnte. Nach gefühlten 1000m wurde das Feld lockerer und ich kam in meinen langsamen, gleichmäßigen Rhythmus, den ich nach dem kurzen Landgang nach der Hälfte der Strecke gleich wieder aufnehmen konnte. Beim Ausstieg hatte ich statt der 3,8 km satte 4,2 km aufzuweisen. Meine Pace war gar nicht so schlecht… Nur die Zeit war blöd. Aber so ist es nun mal bei mir. Raus aus dem Wasser und zack! Lief ich meinem Schatz entgegen, der mit der Kamera auf mich zielte und mir zurief, dass ich eine Superzeit hätte. Haha… aber süß von ihm.

Im Wechselzelt fiel mir ein, dass ich diesmal keine Fußwaschflasche für den Sand dabei hatte. Beim IM Mallorca hatte ich dran gedacht… hier nicht. Mist, ich rubbelte ewig an meinen Füßen herum, bis der Sand endlich einigermaßen entfernt war. Beim Sonnecremen wurde in der Eile leider eine Stelle ausgespart, wovon ich nach dem Rennen eine ordentliche Verbrennung aufzuweisen hatte. Mein Hals war seitlich wieder komplett bis aufs rohe Fleisch aufgescheuert und die Sonncreme tanzte einen Höllentanz darauf.

Radfahren: Der Wind hat mir ein Lied erzählt

Endlich auf dem Rad!! Mein Wettkampf konnte beginnen, ich musste wenigstens 6 meiner 8 Mitstreiterinnen aus meiner Altersklasse wieder einsammeln, die mich beim Schwimmen hinter sich gelassen hatten und ich strampelte aus Puerto del Carmen heraus den ersten windigen Hügeln entgegen. Der Wind ist längst mein Freund. Er schob mich, er kühlte mich und oft spielte er mir einen Streich. Er versteckte sich eine Weile, um dann freudig wieder anzugreifen und mich hin und her zu wiegen, oder mich kräftig herauszufordern. Wenn er schräg von der Seite kam, legte ich mich hinein und überließ ihm soweit es ging die Führung. Von vorne kommend hörte ich sein leises Pfeifen… Momente des puren Glücks. Da ist der Schnitt in dem Moment fast egal. Das Lied des Windes erzählt von der geheimnisvollen Lavalandschaft, die sich mit ihren bizarren Trümmern schwarzgrau vor dem aquamarinblauen, glitzernden Atlantik majestätisch behauptet und schließlich den Höhepunkt ihrer Schönheit an der grünen Lagune von El Golfo findet. Es berichtet von der endlosen Wellenstraße mit den rot leuchtenden Feuerbergen von Timanfaya, worauf es bergab nach La Santa und der sandverwehten Straße nach Famara weitergeht. Das Lied des Windes sammelt sich im Tal der tausend Palmen, gewinnt weiter an Kraft und begleitet mich nun wieder stetig bergan Richtung Mirador del Rio.

Kurz vor Haria wird die kleine aber feine Serpentinenabfahrt zum Fahrvergnügen für mich, da ich gottlob mit niemanden diesen herrlichen Streckenabschnitt, umrahmt von terracotta-farbenen Felsen, teilen muss. Haria mit seinen strahlend weiß getünchten Häusern wird passiert und dann ist auch bald der höchste Punkt in Mirador del Rio erreicht und unten im Atlantik erblickt man von hier aus die kleine Insel La Graciosa. Ich hatte ein paar meiner Mitstreiterinnen überholen können und hoffte damit mich meinem Ziel, dem Treppchen, etwas nähern zu können. Ab jetzt ging es gefühlte 40km nur noch bergab. Ab und zu ließ der Wind etwas nach und man konnte sogar richtig Tempo machen, wenn man sich ganz klein machte und möglichst wenig Widerstand bot. Doch spätestens bei Nazareth hatte der Spaß ein Ende und es ging wieder bergauf und dann blieb man lange auf der Ebene. Kurz vor Puerto del Carmen wartete noch eine gemeine kleine, drei Kilometer nicht enden wollende, raue, hubbelige Straße auf uns. Der Wind sang seine letzte Strophe und die hatte es nach den fast 180 Km mit seinen 2550 Hm in sich. Mit dem, was dort auf der Straße lag, hätte man einen Fahrradbedarfsladen eröffnen können. Aber mein mit Gummis am Getränkehalter befestigtes Ersatzteillager ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Das hielt bombenfest. Falls man seine Knochen bisher noch zusammengehalten hatte, wurden sie nun auf dieser Schüttelstraße gehörig durchgemixt. Ein Schrei der Freude brach aus mir aus, als ich wieder glatten Asphalt unter den Reifen hatte. Ach was war das schön! Und dann waren wir bald wieder in Puerto del Carmen. Ich stieg vom Rad und wurde gleich von der Hitze empfangen, der Fahrtwind war weg und die Temperatur betrug um 28°.

Laufen: Go Geli Go!!

Die ersten Meter auf der Laufstrecke dachte ich, „das war‘s, hierfür brauchst du mindestens fünf Stunden.“ Mein linker Fußballen schmerzte, da ich wegen meines Beckenschiefstandes eine Platte unter dem Radschuh trug, da ich mich sonst in der Leiste aufscheuern würde. Außerdem fühlten sich meine Beine wie Blei an und eine Athletin aus meiner Altersklasse, die ich mit dem Rad überholt hatte, zog an mir vorbei. Ich ließ sie ziehen und machte mir keine Sorgen, denn ich sah, dass sie am Ende war. Ihr Laufstil wirkte unkoordiniert und die Arme schwangen eigenartig unnatürlich mit. Nach ein paar Kilometern war der Schmerz weg und die Beine hatten auch wieder Freude am Laufen, so dass ich mein Sechserschnittmaschinchen anschmeißen und die Konkurrentin wieder auf ihren Platz verweisen konnte. So einen Marathon zu laufen kann lang werden… daher muss ich mich immer irgendwie beschäftigen. Das ging auf dieser Laufstrecke auch wieder sehr gut. Ich klatschte alle Kinderhände, die sich mir entgegenstreckten ab und animierte die Leute in den Kneipen und Cafés mich anzufeuern, die sich lautstark sofort von ihren Plätzen erhoben und mir in der zweiten Runde bereits unaufgefordert zujubelten und meinen Namen riefen.

Ich ließ keine Trinkstation aus, schüttete mir das eiskalte Wasser über den Kopf und nahm brav meine Salztabletten. Über die Strandpromenade ging es Richtung Arricife zum Flughafen, wo die Flieger dicht über unseren Köpfen zur Landung ansetzten, oder starteten. Das war ein Höllenlärm und hatte etwas skurriles an sich… Die letzten 12km konnte ich nochmal, ganz anders als sonst, ein wenig Gas geben und erreichte zum letzten Mal das imposante Ziel zum IRONMAN. Stefan empfing mich und rief mir zu, dass ich mich vom vorletzten auf den dritten Platz meiner Altersklasse gekämpft hätte…. Und da… da hab ich dann nur noch gelacht und geweint vor Freude. Das erste Mal, dass ich es bei einer Ironmanveranstaltung aufs Treppchen geschafft hatte!!! Ich war einfach nur glücklich.

Slotvergabe

Am nächsten Tag fand um 11 Uhr in La Santa die Slotvergabe statt. Ich machte mir keine Hoffnung auf Hawaii, denn ich kannte die Erstplatzierte und wusste, dass sie, obwohl schon mehrfach in Hawaii gestartet, sie auch diesmal wieder zuschlagen würde. Dennoch wollte ich dabei sein… vielleicht würde ja ihre Kreditkarte nicht funktionieren, denn man muss sofort bezahlen… und vielleicht hätte die Zweitplazierte keine Lust auf Hawaii… oder so… Aber die Karte funktionierte. Ach was… wer will schon nach Hawaii… Lanzarote ist das wahre Hawaii!!! 😉

Awardverleihung

Abends fuhren wir mit Hardys Mietwagen nochmal nach La Santa, damit ich meinen Preis entgegen nehmen konnte. Beim IM Mallorca war ich das erste Mal bei solch einer Veranstaltung dabei und wünschte mir daraufhin glühend, auch mal so ein Plastikdings mit dem IM-Logo drauf zu bekommen. Jetzt war es soweit. Ich freute mich soooo sehr.
Das sah man wohl, denn plötzlich nahm der Grand Senior des ersten europäischen Ironmans, Kenneth Gasque neben mir Platz. Er sah mich aus seinen wachen blauen Augen an und sprach mich auf Englisch an. „ Ich habe gehört, sie sind die Frau, die während des ganzen Rennens über gelacht hat…“
Er zog sein Handy aus dem Jackett und zeigte mir ein Foto von sich, wie er in jungen Jahren auf seinem Triathlonrad saß und glücklich lachte. Er hätte es damals genauso gemacht, sagte er und ich solle später noch bleiben und den Film mit anschauen, ich sei darin auch zu sehen. Dann begab er sich auf die Bühne um die Feierlichkeiten einzuleiten, die mit einer imposanten Performance einer jungen Mädchengruppe begann.

Ich konnte es kaum glauben, dass ich mit meinem Dauerglücksgesicht so aufgefallen war… Ich genoss diesen wunderschönen festlichen Abend, applaudierte dankbar den Helfern und allen die das Rennen so gut organisiert möglich gemacht haben und natürlich den vielen Agegroupern, die geehrt wurden, manche von ihnen waren zum 26. Mal dabei. Zum Schluss wurden die Profis geehrt und ich war voller Bewunderung für die hübsche Lucy Charles aus Great Brittan, die in einem kurzen Jumpsuit aufs Podium auf den ersten Platz kam, der einfach umwerfend an ihr aussah.
Ich wurde natürlich auch geehrt: Meine Altersklasse wurde aufgerufen, mein Name als Drittplazierte wurde zuerst genannt und ich nahm meinen Preis entgegen. Kein blödes Plexiglasding wie in Mallorca… ne… sondern ein Monument aus Lava!! Jawohl!! Lava!! Wie sich das gehört für solch ein Rennen. Für den schwersten und besten Ironman der Welt… Viel, viel besser und schwerer als Hawaii!!! Ich schwör‘s. 😉

Danke

Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich in meinem Sport so unterstützt, angefeuert und ermutigt haben. Für die Geduld und das Verständnis und für das Interesse am Triathlon möchte ich mich bei meinen Freunden und bei meiner ganzen Familie bedanken. Allen voran bei meiner lieben Mama im Himmel, unter deren Schutz ich mich auf den Straßen und im Wasser immer sicher und geborgen fühle und die immer ganz stolz auf meine Leistungen war, auch wenn‘s mal nicht so klappte. Bei meinem guten Papa, der stets voller Bewunderung für meinen Sport ist, bei meinen Geschwistern, Schwager und Schwägerinnen, die teilweise auch mit der Sprintdistanz begonnen haben und mit denen ich jedes Jahr in Wiesbaden beim Neroman starte. Bei meinen Kindern und Enkelkindern, meinen Nichten und Neffen, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, die mich fleißig anfeuerten, meiner herzensguten Schwiegermama und natürlich bei meinem geliebten Mann Stefan, der mich diesmal besonders liebevoll unterstützt hat und so oft auf meine Gegenwart verzichten und alleine in die Berge ziehen musste.