IRONMAN European Championship Frankfurt 2014

Prolog

Am 4. Juli 2014 standen Stefan und ich um 5.00 Uhr in der Frühe auf, um möglichst ohne Stau nach Frankfurt zu kommen und meine Startunterlagen abzuholen. Am Römer ging es hoch her, denn so einsam sich das Training eines Triathleten gestaltet, umso geselliger und turbulenter geht bei den Wettkampfevents zu. Hier wird geratscht und gefachsimpelt, hier kann man seinen Materialschlachten nach Herzenzlust frönen und seinen Spinnereien freien Lauf lassen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, da man sich unter Seinesgleichen befindet, die alle dasselbe Ziel haben: den IRONMAN. Ich schlenderte gemütlich durch die Verkaufsstände und entschied mich, trotz des stolzen Preises von 65 €, aufgrund der angekündigten Hitze von 31° für ein ärmelloses Wettkampfoberteil von Skinfit, da ich nur eines mit Ärmeln besaß. Nach der Wettkampfbesprechung fuhren wir nach Wiesbaden zu meiner Schwester und hatten mit der ganzen Familie einen stimmungsgeladenen Grill- und Fußballabend, bei dem ich unsere Jungs bei der Qualifikation zum Halbfinale gegen Frankreich so anfeuerte, dass ich heiser wurde. Obwohl wir so früh aufgestanden waren, war ich relativ aufgekratzt und schlief erst nach einem mitternächtlichen Feuerwerk zu Ehren der Brasilianischen Fußballmannschaft ein.

Der nächste Tag vor dem großen Rennen war angefüllt mit dem Sortieren des Equipments, Radcheckin und einem kurzen Probeschwimmen im Langener Waldsee. Als ich abends auf dem Boden sitzend nochmals meine Utensilien überprüfte und mich dabei etwas nach vorne neigte, spürte ich einen altbekannten Feind im Rücken. Wie ein Blitz schoss er mir in die unteren Lendenwirbel und kündigte damit eine ISG-Blockade an. Ich konnte es nicht fassen. Warum in drei Teufels Namen musste ich auch kürzlich unbedingt für mehr als drei Stunden vor unserem Haus das Unkraut jäten??? Das fiese Zeug war enorm gewachsen und ich hatte erst in der Taperphase Zeit gefunden, mich damit zu befassen. Durch mein regelmäßiges Stabi- und EMS-Training hatte ich mein Rückenproblem ganz gut in Schach gehalten, jedoch 3 Stunden in vorgebeugter Haltung, beleidigt auch die perfekteste Wirbelsäule. Das würde mindestens zwei Tage absolute Unbeweglichkeit bedeuten, der bislang kein Arzt oder Physiotherapeut gewachsen war. Jetzt hatte ich die Quittung. Ich redete mir ein, dass alles nur Einbildung war, bewegte mich vorsichtig und machte ein paar Präventionsübungen. Ich legte mich um 21:00 Uhr ins Bett und hoffte wenigstens ein paar Stunden bis um 3:30 schlafen zu können. Aber nix da. An Schlaf war nicht zu denken. Meine Gedanken kreisten um den Wettkampf den ich nun wahrscheinlich mit einer unerträglichen Illiosakralgelenkblockade bestreiten musste: der Start, das Schwimmen, der 1.Wechsel, das Radfahren, der 2. Wechsel und das anschließende Laufen. Ich lag auf dem Rücken und versuchte mich krampfhaft zu entspannen, was logischerweise nicht funktionieren konnte. Beim Versuch, mich auf die Seite zu drehen bemerkte ich, dass das Unheil seinen Lauf genommen hatte. Ich konnte mich vor Schmerzen kaum bewegen. Mittlerweile war es Mitternacht und ich wälzte mich mit unsäglichen Qualen aus dem Bett und zog mich an der Heizung hoch um zu stehen. Tränen schossen mir in die Augen. Ich war sicher, dass dies das Aus für mein großes Ziel war. Unmöglich in diesem Zustand morgen zu starten. Ich hätte noch nicht einmal meinen Neoprenanzug anziehen können. Stefan versuchte mich zu beruhigen und ich sah, dass er selbst ganz erschüttert war. Ich fing sogar an zu beten und schämte mich gleichzeitig ein bisschen, den lieben Gott wegen solch einer Lappalie zu bemühen. DNS: „Did not start“ würde morgen in der Ergebnisliste stehen. Das konnte einfach nicht sein! Ich legte mich vorsichtig auf den Bauch und machte meine Übungen. Diesmal ganz ruhig und lange. Ich wiederholte sie immer wieder. Schließlich stand ich ganz langsam auf. Ich bewegte mich behutsam nach allen Seiten und … ich konnte es nicht glauben: der Schmerz war weg. Fast als wäre nichts gewesen, spürte ich lediglich einen ganz leichten Druck an der fraglichen Stelle. Noch immer nicht ganz sicher, ob der Spuk wirklich vorbei war, legte ich mich bäuchlings auf den Fußboden, da ich dem ungewohnt weichen Gästebett misstraute. So dämmerte ich weiterhin schlaflos dahin, bis ich um 3:00 Uhr vor der eigentlichen Weckzeit aufstand, da meine Rippen genug von dem harten Boden hatten. Ich hatte gewonnen. Ich hatte zum ersten Mal meinem alljährlichen Rückenproblem den Kampf angesagt und gesiegt. Jetzt konnte fast nichts mehr schief gehen.

Wettkampftag

Es hat die ganze Nacht hindurch geregnet und in meinem schlaflosen Dämmerzustand hatte ich mir ausgemalt, wie klamm nun meine Radschuhe und der Helm sein würden, denn die Radabdeckung war eine nach unten geöffnete Plane, wo sich gerne die Feuchtigkeit sammelt. Es beginnt schon hell zu werden, als wir losfahren, der Himmel verspricht blau zu werden, aber die Autobahnausfahrt zum Langener Waldsee ist gesperrt! Wir sind nicht die einzigen, die nun ratlos vor der Absperrung auf dem Seitenstreifen stehen. Vor uns befinden sich ebenfalls mindestens 10 Autos mit Triathleten, in denen langsam die Panik hochkriecht. Denn man hätte großräumig um den ganzen See herumfahren müssen, so dass die Zeit nicht mehr ausreichen würde, um pünktlich zum Startschuss im Wasser zu sein. Zum Glück kommen die Shuttlebusse hier vorbei und nehmen uns gnädig auf. Ich gebe Stefan einen Kuss und springe aus dem Wagen, raffe alles Notwendige und renne zum Bus. Das ist aber dann auch der einzige Patzer, in einem sonst sehr reibungslosen Ablauf. Ich kann mich ganz in Ruhe vorbereiten, inklusive langem Anstehen vor dem unvermeidlichen Dixieklo.

3,8km Schwimmen

Ich begebe mich in meinem Neopren zum Strand. Dort ertönt gerade die deutsche Nationalhymne und ich staune, wie viele da laut mitsingen. Ich finde das ist für meinen Jungfrau-Ironman ein würdiger Rahmen. Das Wasser hat angenehme 22° und ich warte ab, bis die um sich schlagenden Schwimmer nach dem 7:00 Uhr-Startschuss ihren Platz im Wasser erobert haben und beginne gemütlich los zu schwimmen. Ich mache mir klar, dass dies der relaxte Teil des Rennens ist und genieße es leicht und schwerelos durch das hellgrüne Wasser zu gleiten. Meine Triathlonuhr zeigt mir alle 500m meine Durchschnittszeit an, so dass ich beruhigt bin, vor dem Zeitlimit zu liegen. Der kurze Landgang nach 2100m ist eine willkommene Abwechslung und ich weiß, dass ich ab da nur noch 1700m vor mir habe. Ich schwimme so lange, bis meine Fingerspitzen den Boden berühren und werde sofort mit ermutigenden Zurufen der Zuschauer begrüßt.

1.Wechsel

Der Weg führt durch weichen, tiefen Sand 200m ziemlich steil nach oben und es kostet einige Kraft, bis ich zur Wechselzone 1 komme, schnappe meinen blauen Beutel und renne ins Damenwechselzelt, um meinen Neopren, den ich zunächst nur bis zur Taille herunterziehen durfte, nun auszuziehen. Auf geht’s zu den Rädern und … oh Wunder!! Es stehen noch viele Räder dort! Ich gehöre diesmal nicht zu allerletzten, die sich aufs Rad schwingen. Die Schuhe hatte ich an meinem Rad, welches ich Schneewittchen getauft habe, festgeklickt, ich brauche also nur noch den Helm aufsetzen und mit Schneewittchen zur Startlinie laufen, doch ich höre beim Laufen ein unangenehmes schleifendes Geräusch. Erschrocken schaue ich nach unten und stelle fest, dass mein Startnummernband noch am Vorbau hängt und die Startnummer auf dem Reifen schrabbelt. Ich balanciere mein Schneewittchen am Oberschenkel und versuche in das Startnummernbad zu schlüpfen. Nach einigem hin und her gelingt es mir endlich und ich kann meinen Weg fortsetzen.

180km Radfahren

Die ersten 12 Kilometer geht es flach in die City, perfekt zum Einrollen. Am Main geht’s ab zur ersten Runde über die Hanauer Landstraße ins Umland in Richtung Friedberg. Im Maintal erwartet mich „The Hell“, ein Kopfsteinpflasteranstieg, der es in sich hat. Alles was nicht Niet- und nagelfest ist, wird hier gnadenlos abgerüttelt. Was für ein Glück hat Hans alle Schrauben noch mal kontrolliert und nachgezogen. Auf dem Boden liegen schon einige verlorene Riegel, Trinkflaschen, Sonnenbrillen, Radtaschen und andere Teile. Durch die anfeuernden Zurufe der engagierten Anwohner schüttelt es mich über den holprigen Untergrund nach oben, wo sich sinniger Weise gleich ein Radservice befindet an dem sich einige Athleten die Schrauben nachziehen lassen müssen. Ich bin froh, dass ich das nicht in Anspruch nehmen muss und meine Wirbelsäule gehalten hat. Gleich danach folgt mit dem Hühnerberg der längste Anstieg der Radstrecke, aber absolut easy, angesichts der Höhenmeter, die ich mit meinem Training gefressen hatte. Oben angekommen gibt’s zur Belohnung eine wunderbare Aussicht und eine schöne Abfahrt, die in ein langes Flachstück übergeht. Das nächste Highlight kurz vor Frankfurt, ist der „Heartbreak Hill“ und die Power-Bar-Partyzone in Bad Vilbel, wo die Zuschauer eine schmale Gasse bilden und die Radfahrer mit ihren Zurufen nach oben tragen. Von da an geht’s bergab hinein nach Frankfurt zur zweiten Runde. Mein Schneewittchen gleitet schnell und sicher mit mir durch den Wind, es ist eine wahre Freude zu sehen, wie schnittig es auf der Straße und in den Kurven liegt. Mit wenigen Umdrehungen bringe ich es in Fahrt und es rollt und rollt, wo andere schon längst wieder pedalieren müssen. Bei einem Überholvorgang entdecke ich zu meiner riesengroßen Freude Stefan, im Straßengraben hockend, wie er gerade den von mir überholten Radfahrer fotografiert hat. Ich rufe so laut ich kann „Schaaahaaatz!“ aber bin nicht sicher, ob er mich gehört hat. Es wird immer heißer, bei fast jedem Getränkestand halte ich an und lasse mir eine Wasserflasche geben, die ich nach Befüllen meiner Getränkestation einfach an den Straßenrand schmeißen darf, wo sie von freundlichen, gutgelaunten Helfern gleich entsorgt wird. Ich hatte mir vorgenommen in der ersten Hälfte der Radstrecke 6 Riegel zu vertilgen. Ich hatte das zu Hause mit 3 Riegeln auf den Trainingsfahrten geübt und diese auch beim Anschlußlauf gut vertragen. Jetzt mache ich nach vier Hihg5 Berry-Riegeln schlapp. Es geht einfach nix mehr rein. Mein Magen wehrt sich mit alarmierenden Geräuschen, die aus nicht nachvollziehbaren Windungen meines Gedärms zu kommen scheinen. Ich beschließe, mich von nun an nur noch flüssig zu verpflegen und hoffe, dass sich mein Bauch wieder einkriegt. Ich greife nach hinten und zu meiner Flasche und befülle meine Cockpitflasche mit dem mittlerweile lauwarm gewordenen Isogetränk. Währenddessen werde ich von einer Athletin überholt, an der ich zuvor vorbeigezogen war. Kurz darauf habe ich meine Fahrt wieder aufgenommen und bin gerade im Begriff sie wiederum zu überholen, als ich ein Kontroll-Motorrad nahen höre. Ich unterbreche mein Vorhaben. Ich will den Wettkampfrichter erst vorbeifahren lassen und warte, dass er bald an mir vorbeirollt. Er fährt kurz neben mir her und fordert mich schließlich auf, mehr Abstand zu halten. 10 Meter ist die Vorgabe! Meine Güte! Beinahe hätte ich zum ersten Mal eine Zeitstrafe bekommen. Ich bin fast ein bisschen stolz, nicke brav und lasse mich zurückfallen. Gleichzeitig ärgere ich mich aber schon wieder über mein Verhalten. Andererseits, weiß ich auch, dass man mit Schieds- oder Wettkampfrichtern sowieso nicht diskutieren kann, warte bis das Motorrad verschwunden ist, hau in die Pedale und hole das Mädel schnell wieder ein. 6:34std steht auf meiner Uhr, als ich auf die nächste Wechselzone am Frankfurter Römer zurolle.

2.Wechsel

Dort erwartet mich schon Günter, den ich im Trainingslager auf Malle kenngelernt hatte und der hier ehrenamtlich seinen Dienst tut und mein Schneewittchen in Empfang nimmt. „Danke!“ rufe ich ihm zu und meine dabei aber auch mein Schneewittchen, das mich so sicher 180km hierher getragen hat. Meine Radschuhe hängen am Rad, daher laufe ich in Socken zu den roten Laufbeuteln, worin sich meine Laufschuhe und die Sonnbrille und das Käppi befinden.

42,195km Laufen

Auf geht’s zum Nachtisch, dem Marathon! 4 Runden sind zu laufen in Frankfurts City, jede 10,5 km, nach der man jeweils ein Bändchen erhält, damit man mit seinem sauerstoffarmen Hirn nicht selbst mitzählen muss, und dann 195 Meter hinauf zum Römer ins Ziel. Ich rechne mit weiteren 5 Stunden. Dies wird die schwerste Disziplin werden, dennoch staune ich nicht schlecht über meinen niedrigen Puls und der für mich relativ hohen Geschwindigkeit, mit der ich scheinbar mühelos losrenne. Das kommt mir regelrecht unheimlich vor. Das kann doch nicht sein, dass ich hier jetzt einen Marathon laufe, so, als hätte ich vorher ausgiebigst geruht. Vielleicht stimmt meine Uhr nicht… egal, ich laufe weiter nach Gefühl und schere mich nicht weiter darum. Jetzt ist die Hitze gnadenlos geworden. Der Fahrtwind fehlt und die Laufstrecke ist weitgehend Schattenlos. Ich komme an der Abzweigung zum Ziel vorbei, muss aber leider noch vier Runden in die andere Richtung laufen. Ich verdränge den immer stärker werdenden Wunsch einem Dixie einen Besuch abzustatten und laufe mit einem immer enger werdenden Tunnelblick weiter, bis ich mich fast in die Büsche schlagen muss, da es mich nun fast zerreißt, aber gerade kein Dixie in Sicht ist. Da!!! Endlich!!! Meine Freude über die Erleichterung ist größer als der Ärger über die verlorene Zeit, als ich meinen Lauf wieder aufnehme. Aber ab da ist es nicht mehr der flotte lockere Lauf wie am Anfang, sondern ich fühle, dass dies für heute nicht das letzte Rendezvous mit Dixie war. Die vier Riegel haben sich scheinbar unverdaut in meinen Darmwindungen verhakt und suchen krampfhaft nach einem Ausgang. Es drückt und brodelt unangenehm. Ich muss wieder das Tempo drosseln, ich reiße wieder eine Dixietür auf und versinke wieder im Chemiedunst. Eine Weile geht’s einigermaßen, bis sich die nächste Attacke ankündigt. Ich nehme mir vor, den Lauf mit den Dixie-Unterbrechungen trotzdem so gut es geht zu genießen und freue mich an den vielen begeisterten Zurufen der Leute an der Strecke. Vor mir sehe ich zwei Gestalten mit einem großen weißen Tuch auf mich zukommen… Ich freue mich wie verrückt, als ich erkenne, dass dies meine Schwester Ela und mein Sohn Pedi ist. Sofort reißen sie das Tuch mit „Go Geli Go“ hoch und begrüßen mich stürmisch. Ohne anzuhalten grüße ich glücklich zurück und setze meinen Weg fort. Dass die beiden ihren freien Tag dafür geopfert haben, mich ein paar Sekunden zu sehen, finde ich überirdisch und habe fast ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht doch wenigstens kurz stehen geblieben bin. Es geht mir ein wenig besser, die Krämpfe haben etwas nachgelassen, aber ich laufe nun jede Versorgungsstation an, gönne mir jeweils ein stramme Gehpause vom Anfang bis zum Ende des Verpflegungsbuffets, trinke jedes Mal einen Becher Wasser und bei jeder dritten Station drücke ich zusätzlich ein Gel in mich hinein. Ich treffe wieder auf Stefan der seine Kamera hochreißt, auf mich abfeuert und mir zuruft, dass ich es gleich geschafft habe. Ich zeige auf meine zwei Rundenbändchen und rufe zurück, dass es noch ein bissel dauern würde. Auf der Laufstrecke am Mainkanal befindet sich, hoch aufgehängt, eine Glocke. Jedes Mal wenn ein Athlet sie anschlägt, bekommt ein Verein für eine bestimmte Lungenkrankheit von IRONMAN eine Spende. Ich muss bei jeder Runde richtig hochspringen um sie zu erreichen, während andere gerade mal nur ihren Arm ausstrecken müssen. Es läuft sich noch relativ komfortabel, auch bei KM 35 habe ich keine Probleme mit den Beinen und einen konstanten Puls im GA2- Bereich. Ich laufe auch in den beiden letzten Runden im unveränderten Tempo den kleinen Anstieg auf die Mainbrücke hinauf und überhole immer mehr Geher. Die Martinshörner der Saniwagen sind nun immer öfter zu hören und ich sehe massenweise taumelnde Athleten, deren krebsrote sonnenverbrannte Haut im Abendlicht leuchtet. Ich bin froh, dass ich mich gründlich mit 50+ Sonnenschutz eingecremt hatte, bevor es losging. Der Wind nimmt zu und es fühlt sich mitunter kühl an. Ich ziehe mein von Wasserschläuchen nassgespritztes Shirt aus, stopfe es hinten in meine Hose und laufe nun im Bustier weiter. Mein roter, wasserfester Lippenstift scheint tatsächlich seit dem Start gehalten zu haben, denn er wird von den Zuschauern immer wieder erwähnt und der Wiedererkennungseffekt nach mehreren Runden lässt sie bei meinem Erscheinen jedes Mal in Jubelrufe ausbrechen, indem sie mich anfeuern und meinen Namen rufen. Wer mich kennt, weiß, dass ich das sehr genieße. Lach! Es geht langsam dem Ende zu. Auf den letzten Kilometern komme ich ins Grübeln: In den vergangenen 6 Monaten bin ich 100,3km geschwommen; 4.078,46km geradelt und 1.083km gelaufen. Ich arbeitete, hatte einen großen Haushalt und ich musste zugunsten des Ironman auf vieles verzichten: Stefan musste ohne mich in die Berge gehen und meine Enkelkinder sahen ihre Oma nur selten. Das alles, um am Ziel zu hören:“You are an IRONMAN!“ Wird sich das wirklich lohnen? Ich musste Stefan versprechen, dass ich nur diese eine Langdistanz machen werde, ein zweites Mal würde er mein Vorhaben weder unterstützen noch tolerieren. Ich denke an meine langen, einsamen, abenteuerlichen, Trainingsausfahrten, deren Routen ich meistens, ohne sie zu kennen, auf mein Navi geladen hatte und einfach blindlings nachfuhr. Und an die kürzeren Strecken, wo Stefan mich auf seinem getunten E-Bike begleitete und wir uns mit übergroßen Windbeuteln belohnten. An die langen einsamen Läufe, die ich meistens im Regen unternahm, da ich das schöne Wetter stets zum Radeln ausnutzte. An den Chlorgeruch und das Kindergeschrei im Schwimmbad und die Freuden im Starnberger See, daran, dass ich auch bei Wellengang ins Wasser stieg und davon fast seekrank wurde. Ohne mein Ziel, der Langdistanz, hätte ich niemals dieses Training durchgezogen und hätte niemals diese vielen wundervollen Dinge erlebt, die mich auf meinen langen Ausflügen erfreuten. Der Geruch der Felder, der Blumen, des Waldes, die vielen wunderschönen Seen, die ständig präsenten Bergkulissen, das Fahren im Wind und in der heißen Sonne, das Laufen durch schattige Wäldchen und einsame Trails… Ich bekomme tatsächlich Tränen in die Augen. Das ist es! Das und genau das hat sich gelohnt. Auch hier, bei diesem großen Wettkampf, ist für mich der Weg das Ziel. Eigentlich könnte ich doch jetzt, 2km vorher einfach sagen: “So und jetzt reichts. Ich geh nach Hause. Aber mein Weg ist ja noch nicht zu Ende. Ich habe nur eine einzige Langdistanz. Nur ein einziges Mal in meinem Leben werde ich die Finishline einer Langdistanz betreten.

Zieleinlauf

Es ist soweit, ich darf nun, nach der vierten Runde, dem Schild folgen, auf welchem das Wort „Ziel“ geschrieben steht. Ich laufe an den vollbesetzten Tribünen vorbei, auf den engen Zielkanal zu, hoch zum Römer. Hier strecken sich mir von beiden Seiten die Hände der jubelnden Zuschauer entgegen. Ich breite meine Arme aus und versuche während meiner letzten Meter zum Ziel so viele Hände wie möglich zu berühren. Ich höre wie der Moderator meinen Namen nennt und die heißersehnten Worte ausruft: „YOU ARE AN IRONMAN!“ YESS! Das bin ich. Ich setze zu meinem Zielsprung an und schaffe ihn auch hier nach der 226km langen Strecke ohne zu straucheln. 13:06 steht auf meiner Uhr. Ich hatte gehofft, dass ich es unter 15 Stunden schaffen würde. Jetzt ärgert es mich ein bisschen, dass ich es nicht unter 13 geschafft habe. Aber nur ein ganz klitzekleines bisschen. Ich werde gleich beglückwünscht und bekomme eine Medaille umgehängt, die so groß und schwer ist, dass ich fast vornüber falle. Ich bin überglücklich und fühle mich leicht und frei.

Athletes Garden

Nur Durst quält mich und ich mache mich im Athletes Garden auf die Suche nach alkoholfreiem Weißbier, auf das ich bei jedem Wettkampf schon während des Laufens freue. Ich entdecke einen Stand mit großen frisch gefüllten Bechern, greife zu, setze an und zische die Hälfte davon runter. Boaaah! Was ist denn jetzt los??! Da ist ja Alkohol drin! Entsetzt frage ich nach, ob es tatsächlich so ist. „Jawoll. Mit Alkohol.“ Das hatte ich noch bei keiner Wettkampfveranstaltung erlebt, dass kostenlos Alkohol ausgeschenkt wurde. Aber klar: Dies hier war kein Kindergarten mehr. Hier landen nur gestandene Kerle und da fließt eben auch echter Stoff,- haha! Hätte ich mir ja auch denken können. Ich fange nun doch an zu schwanken. Eine Sanitäterin kommt auf mich zu und fragt besorgt, ob alles ok sei. Ich lache und sage, ich sei nur ein wenig betrunken. Sie schaut etwas irritiert und zieht weiter. Ich hole meinen weißen Streetware-Beutel ab und wechsel schon mal die Laufschuhe mit meinen Flipflops. Der Sand vom Langener Waldsee klebt immer noch an meinen Füßen und hat ihnen nicht gut getan. Die Zehennägel würden sich unter dem Nagellack garantiert wieder blau verfärben und teilweise verabschieden. Jetzt meldet sich mein Magen wieder. Ich renne zum nächsten Dixie, schließe die Tür, ziehe die Hose herunter und höre einen riesigen „Platsch“. Ich weiß sofort was das war. Entsetzt drehe ich mich um und greife reflexartig ins Klo. Mit spitzen Fingern ziehe ich mein neues, teures, ehemals rein weißes Skinfitshirt aus der blauen Chemiebrühe. Ich hatte vergessen, dass es noch hinten in meiner Hose steckte. Braune Bröckchen gleiten an dem glatten Stoff mit der blauen Soße scheinbar Spurlos ab. Jetzt ist es nur noch blau. Ob das je wieder rausgeht? Ich trampel mit meinen Flipflops darauf herum, um es etwas auszuwringen und gehe anschließend in die Dusche um es gründlich auszuwaschen. Es geht leicht. Es ist wieder wie vorher. Nach dem Duschen, suche ich das Massagezelt. Ich sehe zwei Zelte mit vielen herumliegenden Leuten darin, gehe in eines davon und hoffe, dass ich nicht allzu lange warten muss. Ein weißgekleideter Mensch kommt auf mich zu und ich frage ihn, ob noch ein Plätzchen für mich frei sei. Er fragt mich, was ich denn habe? Ich sage ihm, dass mein Rücken etwas verspannt sei. Er schaut mich entgeistert an und jetzt erst entdecke ich mit meinem alkoholumnebelten Kopf, dass ich mich in einem Sanitätszelt befinde. Jetzt bemerke ich auch, wie voll dieses ist und gerade in diesem Moment wird auch schon das nächste Ironman-Opfer auf einer Bahre hineingetragen. Ich zeige auf das andere Zelt nebenan, aber er schüttelt den Kopf. Auch ein volles Sanizelt. Was ist denn hier los? Ich komme mir vor wie bei einer Katastrophe. Schließlich entdecke ich das Massagezelt. Es ist fast leer. Die Masseurin wundert sich, dass ich lieber meinen Rücken bearbeitet haben möchte, gibt mir aber recht, als sie bemerkt, wie locker meine Beinmuskulatur geblieben ist. Sie macht einen sehr guten Job, ich lobe sie dafür und sie und erzählt mir, dass sie und die anderen Masseure in dem Zelt Schüler der Frankfurter Physio-Schule sind. Ich bedaure ihr kein Trinkgeld geben zu können, als ich gehe und verspreche ihr, es beim nächsten Mal nachzuholen. Jetzt habe ich dann doch etwas Hunger. Es riecht nach leckeren Würstchen, aber es gibt keine mehr. Ich begnüge mich mit Fleischpflanzerln und Kartoffelsalat, entdecke echtes, alkoholfreies Weißbier und setze mich zu zwei Ironmännern der etwas festeren Art. Der eine von beiden spricht mich auf meine Regenerations-Kompressionstrümpfe an, die sich fußlos über meine Waden spannen und auf der Rückseite die Aufschrift „Bad Tölz Triathlon“ tragen. Er fragt mich, ob ich aus Tölz sei. Ich erkläre es ihm und frage, ob er auch aus Bayern sei. „Das sieht man doch“, meint er, aber ich sehe nichts. Etwas beleidigt streckt er seinen Oberkörper und die etwas speckige Brust trennt sich vom vorgewölbten Bäuchlein und gibt nun den zuvor nicht lesbaren Aufdruck: „Erding“ frei. Ich lache, was die Situation nicht gerade rettet. Er habe festgestellt, dass man um einen Ironman zu finishen nicht unbedingt trainieren müsse. Ich pflichte ihm bei und sage, ich halte diese Trainiererei auch für überwertet, um ihn bei Laune zu halten. Etwas unsicher, ob ich es ernst meinte fügt er hinzu, dass es auch beim Ironman in Südafrika so gewesen wäre. Da hätte er überhaupt nichts trainiert. Der Wind wird immer stärker. Ich fange an mich nach meinem Schatz zu sehen. In diesem Moment ruft er auch schon an. Als bemerkt, dass ich nicht alleine bin, ist er beruhigt, verschafft sich aber dennoch sicherheitshalber energisch Zutritt in den ansonsten nur für die Athleten geöffneten Garten. Als er kommt fallen wir uns in die Arme und er nennt mich liebevoll seine Ironfrau. Die Erdinger sind weitergezogen, schade, ich hätte sie ihm gerne noch vorgestellt. Es fängt an noch heftiger zu wehen und über unseren Köpfen kündigt sich dunkel und drohend ein Unwetter an. Wir holen schnellstens mein tapferes Schneewittchen aus der Wechselzone und ich bin sehr glücklich, dass wir nicht wie zunächst geplant mit der S-Bahn fahren müssen, sondern dass Stefan sein Auto im Konstabler Parkhaus geparkt hat. Meine allerliebste Schwester hat trotz der Hitze Chili gemacht und wartet schon lange mit dem Essen auf uns.

Rückfahrt

Auf dem Weg nach Wiesbaden durch Blitz und Donner, prasselnden Regen, umherfliegenden Ästen und ganzen Bäumen, denke ich noch mal über den Begriff Ironman nach. Die vielen Glückwünsche zu meiner Leistung. Die Beachtung die man für sein hartes Training und den Wettkampf erhält ist wie ein Lebenselixier. Allerdings ein Luxuslebenselixier. Denn eigentlich bräuchte ich das schließlich nicht. In diesem Zusammenhang fallen mir all jene Menschen ein, welche solch Lebenselixiere viel dringender brauchen, als wir Athleten vom Ironman. All die Menschen, die Tag für Tag ihre schweren Lasten an Schicksalsschlägen, Krankheiten oder anderen Sorgen klaglos auf ihren Schultern tragen um weiterkommen. Nicht aufgeben. Sich nicht aufhalten lassen in ihrer Lebensfreude und ihrem Mut zum Leben. Ich schaue Stefan an, der nun auch müde hinter dem Steuer seines Landrovers sitzt. Für ihn war der Tag genauso lang wie für mich. Ich denke an seine lange Herzkrankheit und dem drohenden Ende, das unaufhaltsam näher rückte. An seinen Herzstillstand vor 5 Jahren. An seinen Retter, Georg, der ihn wiederbelebte. An die schwere Wartezeit im Krankenhaus und die erlösenden Monate nach der Herztransplantation. An den Spender und seine Familie. An Stefans Mut, seine Lebensfreude und Zuversicht und an seine Kreativität, selbst in scheinbar ausweglosen Situationen. An die waghalsigen Bergtouren ans Ende der Welt, die wir vor und auch nach seiner Transplantation gemacht haben. An die vielen, die noch folgen werden. Hier sitzt er etwas müde neben mir. Ein echter IRONMAN.

Danksagung:

Ich möchte von ganzem Herzen Danke sagen, an all diejenigen, die mit Interesse mein Vorhaben verfolgt und unterstützt haben:
Danke an meinen lieben Schatz Stefan, der mein Vorhaben wie kein anderer gefördert und begleitet hat. Danke an den lieben Gott, der mir einen gesunden Körper gegeben hat, mit dem ich so wundervolle Dinge machen kann. Danke an Meine Eltern, die mir Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen mit auf meinen Weg gaben und meiner tapferen Mutter, die sich mittlerweile bestens im Triathlon auskennt. Danke an meine Familie, meine Geschwister und Pedi, die schon oft an der Strecke standen und mich anfeuerten. Danke an mein Lieslein, die sich immer für meine Sportaktionen interessiert und nun sogar selbst angefangen hat zu Laufen. Danke an Hans Neuberger, der mich in die Geheimnisse des Rennradelns eingeweiht hat. Danke an Steffen Pilz, der mir in 10 Tagen die Grundzüge des Kraulschwimmens beigebracht hat. Danke an Christian Walter, der mich in kürzester Zeit dazu brachte meinen ersten Marathon zu laufen. Danke an Joe Spindler, der meine Sitzposition so optimierte, dass ich seither keine Probleme mehr auf dem Zeitfahrrad habe. Danke an Krelli, Tim, Tobias und Judith Heinze vom Tricamp für ihren fachmännischen Rat und gute Fürsorge. Danke an alle meine Freunde, die mich angefeuert, mich ermutigt und an mich geglaubt haben. Danke an mein zuverlässiges, unentbehrliches Equipment: von Garmin, Orca, Skinfit, Northway, Brooks, Oakley, ISM Adamo, Aquasphere, und natürlich Danke an Stevens, die mein Schneewittchen ins Leben riefen.