Ironman 70.3 Lanzarote 2018

Ironman 70.3 Lanzarote 2018

Nachdem ich nun einige Wettkämpfe im Frühjahr und Sommer gefinished hatte, war ich gegen Ende der Saison völlig unausgelastet und ich fahndete nach einer spannenden Mitteldistanz, welche ohne allzugroßen Aufwand zu erreichen wäre. Ich stellte fest, dass in Immenstadt noch Startplätze zu haben waren. Leider gab es aber keine freie Unterkunft in der Nähe und auch der Campingplatz, wo ich am liebsten mein Lager aufgeschlagen hätte, war komplett ausgebucht. So tröstete ich mich mit der Anmeldung zum München-Marathon, welchen ich ja eigentlich sowieso jedes Jahr mitmache.

Anfang September stieß ich per Zufall auf den Lanzarote Ironman 70.3. Er fände am 6.Oktober statt und passte eigentlich super als Abschlussknaller der Saison. Dass er mit dem München-Marathon etwas kollidierte, bei dem ich dann eine Woche später starten würde, hatte ich in meiner Vorfreude völlig übersehen. Ich hatte mich bis dahin nur noch aufs Laufen konzentriert und bin das Schwimmen und Radeln entspannt angegangen. So stellte ich meinen Trainingsplan wieder um und bereitete mich eifrig auf das kommende Ereignis vor. In meiner Altersklasse gab es im Jahr 2017 keine einzige Anmeldung. Aber in diesem Jahr fanden sich außer mir noch drei Damen, welche um den Slot zur Championship des Ironman 70.3 in Nizza kämpfen wollten. Ich hatte mit allen dreien schon Bekanntschaft während meiner Langdistanz in Lanzarote im Mai gemacht und wusste, ich hätte mit Ines Hernandez nur eine harte Konkurrenz, welche ich in diesem Jahr mit wenigen Minuten Vorsprung auf den vierten Platz des Podiums verwiesen hatte. Meine Wettkampfvorbereitung für Mai war etwas zu kurz ausgefallen, da ich noch bis Januar Sportverbot hatte, weil ich Ende November zwei OPs zu verkraften hatte. Nun weckte ich meinen, schon fast auf die Offseason eingestellten Körper wieder auf und begann zu trainieren. Immer wieder beobachtete ich die Startliste und stellte irgendwann, kurz vor Abflug nach Lanzarote fest, dass sich noch eine Dame anmeldet hatte. Sie war Inhaberin des AWA-Status in Gold, war also eine fleißige Ironman-finisherin, und hatte vor einem Jahr den Dublin Ironman 70.3 mit einer Zeit von 5:20 gefinished. Sie war beim Schwimmen schneller und ist den dortigen Halbmarathon mit 1:40 gelaufen. Daran konnte ich nicht kratzen, aber beim Radeln schien sich was drehen zu lassen. Ich konzentrierte mich aufs Rad mit der Hoffnung, dass ich es vielleicht trotzdem auf den ersten Platz schaffen würde, um mit wehenden Fahnen in Nizza einzuziehen. Meinen Sponsor, die „Kanzlei Doerr, Kühn Plück und Partner“ aus Wiesbaden, setzte ich etwas resigniert davon in Kenntnis, dass es eher unwahrscheinlich sein würde den Slot zu bekommen… „Aber ganz sicher nicht aussichtslos“ fügte ich etwas verzagt hinzu…

Angekommen auf Lanzarote fiel ich aus allen Wolken, als mir die fast windstille Hitze entgegen schlug. Das kannte ich von meinen Aufenthalten im Frühjahr nicht, wo man immer mit Windgeschwindigkeiten um 40 km/h zu kämpfen hatte und die Temperatur stieg meistens erst im Mai über 28°. Ich war fast ein bisschen enttäuscht, denn zum Wind auf der Vulkaninsel hatte ich immer ein gutes Verhältnis. Schließlich umfing er mich ein paar Tage später doch, wenn auch eher sanft und schmeichelnd, als wie sonst fordernd und frech. Das Schwimmen in der Lagune von La Santa war nicht so meins… Ich machte ein paar Probezüge nach dem Bike-check-in. Das Wasser war gefühlt hüfttief und stellenweise regelrecht schwarz. Ich sah überhaupt nichts und mir knirschte der Schlick zwischen den Zähnen. Bis zum Morgen wusste man nicht, ob es Neoverbot gab, oder nicht. Das Wasser war zwar nicht kalt, aber ich mochte nicht so gerne ohne die schützende Pelle in diesem stehenden Gewässer schwimmen. Daher war ich froh, als es grünes Licht für den Neo gab.

Ich fand gleich einen Schwimmer, in dessen Wasserschatten ich mich hängte. Irgendwie hatte ich nicht auf die Pace geachtet und konzentrierte mich nur darauf, an meinem Schwimmer dranzubleiben. Das war blöd, denn so bin ich doch unter meinem Niveau geschwommen. Ich hatte 6 Minuten mehr auf der Uhr als beim 70.3 in Pescara. Allerdings kam ich dafür sehr ausgeruht aus dem Wasser.

In der T1 sah ich, dass Nummer 70 neben mir schon losgefahren war. Das bedeutete, dass ich als letzte meiner Altersklasse aus dem Wasser kam, da die Nummer 70 insgesamt die langsamste von uns war. Wenn ich Rose mit der 40 noch auf dem Rad einholen wollte müsste ich entsprechend in die Pedale hauen. Und das tat ich. Ingrid mit der 70 hatte ich schon bald abgehängt.

Bald darauf hatte ich Sue mit der 229 überholt und dann kam erstmal lange keine bekannte Startnummer mehr. Ines mit der Nummer 230 war wahrscheinlich sehr ambitioniert losgefahren. Doch auch sie hatte ich irgendwann eingeholt und zog an ihr vorbei. Ich machte mir keine Illusionen, die Favoritin mit der Nummer 40 zu kassieren. Weit und breit war keine Nummer 40 zu sehen. Ich konzentrierte mich auf eine gute, möglichst aerodynamische Sitzposiotion um Kraft fürs Laufen zu sparen. Dennoch machte ich mir keine Hoffnung darauf, dass ich Rose beim Laufen einholen könnte. Halbmarathon in 1:40… Das schaffte ich noch nichtmal solo. Aber ich ließ dennoch nicht nach. Ich hatte einfach Spaß daran, mein Potential auszuschöpfen und genoss es auf der herrlichen Strecke, die sehr einfach zu fahren war, mit dem für Lanzaroteverhältnisse mäßigen Wind zu segeln, der nur manchmal unverhofft heftig zuschlug.

Ich überholte im letzten viertel der Strecke immer noch viele Teilnehmer und dann knatterte eine Startnummer am Rad vor mir im Wind… Die Athletin trug keine Startnummer am Rücken, da es der Veranstalter frei gestellt hatte, nur beim Laufen war sie Pflicht. Ich fuhr näher heran und erkannte die Nummer 40 von Rose, der Favoritin.

Ich blieb ganz kurz schräg hinter ihr und musste nochmal schauen, weil ich es nicht glauben konnte. Doch es war die Nummer 40!
Ich bekam am ganzen Körper Gänsehaut. Sie hatte einen ruhigen, gleichmäßigen Tritt. Ich zog an ihr vorbei und konnte es nicht fassen. Ich befand mich nun zum erstenmal bei einem Ironmanwettkampf auf Platz 1 meiner Altersklasse. Als mir das klar wurde, brach es aus mir heraus: Ich lachte und schrie vor Glück und ich hoffte sehr, dass ich da schon aus ihrem Hörbereich war.

Als ich mich beruhigt hatte, sagte ich mir, dass ich damit rechnen musste, dass sie mich bald wieder einholt. Spätestens beim Laufen würde ich wieder ihren Rücken sehen. Aber ich kämpfte weiter und beschloss, so lange es ging, die Führung zu genießen.

Aber Rose kam nicht. Nicht auf der Radstrecke.

Drei Runden Laufen a 7 Kilometer warteten noch auf mich.
Hier kam sie mir in meiner zweiten Runde entgegen… Ich sah, dass sie aufgehört hatte zu laufen. Sie hatte den Gehmodus eingeschaltet und befand sich erst in der ersten Runde. Sie sah mich von weitem, erhob ihre Arme, lächelte und…. sie applaudierte mir! Ich kam kurz aus der Fassung, ich hätte sie gerne in den Arm genommen, aber ich zwang mich mein Tempo beizubehalten und lächelte ihr ebenfalls zu. Ich erfuhr später, dass sie nicht gefinished hatte.

Ines war aber auch recht stark und ich fühlte ihre Kraft in meinem Rücken. Nur nicht nachlassen! Weiter so! Es war absolut schattenlos, schweineheiß und das war vielleicht auch der Grund, weshalb einige schließlich das Handtuch warfen.

Bei Kilometer 18 fühlte ich Wadenkrämpfe nahen. Ich hatte meine Salztabletten im Hotel vergessen. Jetzt nur keine falsche Bewegung machen. An einer Stelle gab es einen hohen Bordstein auf den man hoch musste, ich ließ mir Zeit, da hinauf zu kommen, kein Risiko mehr, so kurz vorm Ziel. Wenn die Krämpfe zugreifen würden, dann könnte ich nur noch ins Ziel kriechen. Ich nahm auch etwas Tempo heraus und verzichtete auf einen Endspurt. Die Beine waren sonnenverbrannt, aber auf der Zielgeraden war mir das alles egal. Ich hatte das Ticket zur WM nach Nizza in der Tasche! Ich klatschte die vielen Hände ab, genoss den Jubel und landete schließlich bei Kenneth Gasque, der es sich auch hier nicht nehmen ließ, trotz der Hitze jedem Finisher seine Medaille umzuhängen und zu gratulieren. „Your looking great“ sagte er mir lächelnd. Ja. Ich sah wohl sehr sehr glücklich aus und mein roter Lippenstift hatte auch gehalten.

Danke: meinen Sponsoren, der „Kanzlei Doerr, Kühn, Plück und Partner“ aus Wiesbaden, die mich nicht nur finanziell unterstützten.
Meiner Familie und Freunden, die mir stets Mut gemacht haben, besonders wenn ich an mir gezweifelt hatte.

Meiner Schwiegermutter, die dabei war und mit fast 93 Jahren dafür ihren ersten Flug ihres Lebens in Kauf genommen hat.
Meinem Schatz Stefan, ohne dessen Tatkraft, Geduld und Zuversicht ich nicht am Wettkampf hätte teilnehmen wollen.

Nachtrag: Ich ging gleich nach dem Zieleinlauf zum Duschen. Als ich die Laufschuhe auszog, verdrehte ich ein kleinwenig den linken Fuß…. Da kam der Krampf. Ich dachte der Fuß wäre gebrochen. Die Zehen ließen sich nicht mehr bewegen und der ganze Fuß war minutenlang ein einziger Schmerzklumpen. Ich hatte mal wieder super Glück gehabt.

Nachtrag: Mittlerweile hat man diesen Wettkampf nach Playa Blanca verlegt. In jeglicher Hinsicht ein Gewinn für die Schwimm-Rad- und Laufstrecke!!! Allerdings auch wieder anspruchsvoller.