CHALLENGE ROTH 2016


„Ah! Keinen Ironman! Machst du keinen Triathlon mehr?“

So oder ähnliche Antworten bekam ich des Öfteren, wenn ich nach meinen Wettkampfplänen für 2016 gefragt wurde und erzählte, dass ich in diesem Jahr bei der Challenge Roth starten würde. Die wenigsten Nicht-Triathleten wissen, dass der Name „Ironman“ für einen weltumspannenden Konzern steht und „Challenge Roth“ ein 15jähriges Familienunternehmen ist, welches sich mittlerweile ebenso erfolgreich auf der Erdkugel ausgebreitet hat wie der von den Chinesen verschluckte Ironman. Was für Ironman die Langdistanz- Weltmeisterschaft in Kona ist, bedeutet für die Challenge das Rennen in Roth mit der gleichen Distanz, nämlich 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195. Dieser Wettkampf in dem kleinen fränkischen Städtchen ist genauso ein „Must have“ für ambitionierte Triathleten wie die Weltmeisterschaft in Kona auf Hawaii. Mit 3400 Startern und mehr als 200.000 begeisterten Besuchern ist dieser Event zum größten Triathlonereignis der Welt herangewachsen….. und ich war diesmal dabei. Um einen Startplatz zu ergattern, muss man sich nicht wie für Kona qualifizieren, sondern lediglich flotte Finger am PC haben. Zweimal hatte ich in den vergangen Jahre versucht mich anzumelden, aber in weniger als 2 Sekunden waren alle Startplätze ausgebucht, kaum dass die Online-Anmeldung geöffnet hatte.

Als letztes Jahr die Anmeldung für 2016 bevorstand, hatte ich Stefan gebeten es diesmal für mich zu versuchen, da ich arbeiten musste. Er machte sich das zur Chefsache, mit Weltuhr und Copy und Pace und siehe da: ich war drin!!
Stefan war eigentlich nicht gerade begeistert, dass ich wieder bei einer Langdistanz starten wollte, daher freute ich mich umso mehr, dass er sich so viel Mühe gegeben hatte, damit mein Wunsch in Erfüllung gehen konnte.
Schließlich bedeutete das natürlich wieder ne Menge Training und Vorbereitung. In den letzten zwei Monaten vor dem Wettkampf kam ich schonmal auf 20 Stunden Sport in der Woche.

Endlich war er da, der große Tag, auf den ich so lange hingefiebert hatte. Wir reisten bereits zwei Tage vorher an und mein erster Eindruck war: enger, voller, lauter und weniger geordnet, als die Ironmanveranstaltungen. Es dauerte eine Weile bis ich wusste wo sich die wichtigen Anlaufstellen befinden. Auf die Nudelparty wollte ich nicht verzichten und ich stellte mich in eine 20 Minuten dauernde Schlange, um dann in ein krachvolles, glühendheißes Zelt zu gelangen um mir den Magen mit Pasta und Kaiserschmarrn zu füllen, für welchen ich wiederum 15 Minuten anstehen musste. Das Essen war lecker und das alkoholfreie Bier schön spritzig kalt.

Zu den Startunterlagen bekam man einen wunderschönen geräumigen Rucksack (größer als bei IM), ein Startnummernband, eine grüne Kappe gehobener Qualität, eine Trinkflasche, eine Tröte und Klatsche für die Zuschauer, Red Bull, Gels, Riegel, Gleitgel für den Neo und Creme- und Duschgelproben, die sich immer gut im Wärmebeutel, nach dem Wettkampf machen. Doch dann kam die erste Irritation: Die Beutel für die Wechselzonen hatten vertauschte, bzw. andere Farben als beim Ironman. Ich bekam einen Schreck. Hier waren Verwechslungen vorprogrammiert. Die Beutel zum Laufen waren blau statt rot und die zum Radfahren rot statt blau. Der Beutel für danach war grün statt weiß. Die gewohnten IM-Farben hatten sich fest in mein Hirn gebrannt und ständig kam ich bei Packen durcheinander. Warum haben die das so kompliziert gemacht?? Schließlich war die Challenge in Roth früher mal Ironman gewesen, wegen Unstimmigkeiten zwischen den Veranstaltern und der Stadt Roth hatte sich die dort ansässige Familie Walchshöfer entschieden, sich von Ironman unabhängig zu machen und ihren eigenen Triathlon zu veranstalten, dem sie den Namen Challenge gaben. Die Strecken hatten sie übernommen, die Farbe der Beutel nicht.
Am nächsten Morgen tauchte ich für ein paar Züge in den Kanal, checkte nach 5 km Radfahren das Rad ein, lief ebenfalls diese Strecke mit ein paar Intervallen und gab den blauen (!) Laufbeutel ab.

Die Nacht war wie immer vor solch einem Wettkampf viel zu kurz, aber das war egal. Ich wollte endlich starten. Und dann kam eine Katastrophe. Jedesmal bei einer LD kam kurz vorher eine Katahastrophe, die mich fix und fertig machte. Vor meiner ersten LD IM-Frankfurt bekam ich am Abend zuvor eine ISG-Blockade, beim IM Mallorca bekam ich mein auseinadergeschraubtes Rad wegen einer einzigen Schraube nicht mehr zusammen und jetzt, hier in Roth….fand ich meinen Lippenstift nicht!!!
Nicht nur das… nein mein gesamtes Schminkzeug, von dem ich ja eigentlich bloß meine wasserfeste Wimperntusche und den 24Stunden haltbaren Lippenstift brauchte, war weg. EW (einfach weg)!!!! Ich sah unterm Bett, im Auto, in jeder Tasche nach und fing an zu heulen. Eigentlich nicht so sehr, weil der Lippenstift weg war, vielmehr darüber, dass ich so abhängig von ihm war. Er ist mir ans Herzgewachsen, wie meine billigen 1,50€-Schlappen, die mich immer zu jedem Wettkampf begleiten und als letztes in meinem Wärmebeutel landen, bevor ich ihn am Schwimmstart abgebe. Nicht auszudenken, wenn ich sie mal verlieren würde. Ich hatte sie schon öfter irgendwo liegen gelassen und immer alles darangesetzt sie wieder zu bekommen. Mit jedem Mal Wiederbekommen wuchs die Liebe zu ihnen. Ich hab jetzt sogar meinen Namen und Telefonnummer drauf geschrieben.

Also mein Lippenstift war weg und ich überlegte kurz, ob ich überhaupt starten sollte. Aber nur kurz. Ich würde auf jeden Fall starten. Zur Not auch nackt. Also ohne Lippenstift und Wimperntusche.
Nach einem traurigen Frühstück steckte ich nochmal meine Hand ganz tief in den neuen geräumigen Wettkampfrucksack und fühlte ganz weit hinten, versteckt zwischen den Falten der Kunststofffolie im Nasswäschefach mein kleines Schminktäschchen.
Der Morgen war wesentlich wärmer als angekündigt und ich begab mich kurz vor dem Startschuss in den 19º kühlen Kanal um zum Wasserstart zu schwimmen. Kein Rolling- Start wie neuerdings beim Ironman, sondern alle fünf Minuten eine Startgruppe. Zuerst die Profis, dann die VIPs, alle AK- Frauen, zusammen mit Männern ab AK 50 und dann die restlichen Altersklassen. Es gab ein Gehaue und Getrete, wie immer am Anfang, aber irgendwie wars hier besonders heftig. Ich kam kaum mal in einen Schwimmrythmus. Anders als sonst gab es fast keine Ruhe. Immer wieder wurde ich von den herannahenden hinteren Startgruppen einfach überschwommen. Ich frage mich, ob die einen wirklich nicht sehen… Also ich sehe, wenn ich auf jemanden aufzuschwimmen drohe und weiche aus. Aber man ignorierte mich einfach. Ich schien einfach nicht existent zu sein. Wie ne kleine Luftblase wohl, die man zerklatschen kann. Ich bekam Schläge an den Kopf, ins Gesicht und Tritte in die Seite. Schließlich bekam ich einen heftigen Tritt gegen mein Schienbein, so dass ich aufschrie und aus Reflex versuchte zurückzutreten. Dabei schluckte ich aber bloß Wasser, hätte beinahe einen Wadenkrampf bekommen und leider nicht getroffen. Schließlich kam ich zu meinem ersten Etappenziel und wunderte mich, dass ich das Ganze überlebt hatte und dabei auch garnichtmal soooo langsam war.

In der Wechselzone wurde ich aufs herzlichste von einer Helferin empfangen und kam mir wie eine Königin vor. Das hatte ich bei einem Ironman nie erlebt. Hier bei der Challenge hatte jeder Teilnehmer in den Wechselzonen seinen eigenen Helfer, der einem bei allen Handgriffen half, Füße abtrocknete, und den Nacken eincremte. Dabei immer aufmunternde Worte und ein Lächeln auf den Lippen. Einfach Spitze!

Wie befreit schwang ich mich auf mein Schneewittchen. Jetzt kam der Spaßfaktor. Jetzt begann mein Rennen!! Ich bekam das Lächeln nur kurz beim Kauen meiner anderthalb Riegel vom Gesicht, ansonsten waren meine Mundwinkel 180km lang bis zu den Ohren hochgezogen. Ich kam gut voran und freute mich jetzt darüber, dass es keinen Rolling Start gegeben hatte, denn da fährt man sehr einsam auf der Radstrecke, wenn man sich, wie ich, als langsamer Schwimmer ganz hinten aufstellen muss.

Die Radstrecke ist sanft hügelig. Trotz der relativ vielen 1600 Höhenmeter merkt man die Erhebungen kaum. Nur am Solarer Berg geht’s mal kurz zur Sache. Aber mit den bayrischen Voralpen in den Beinen muss da schon mehr kommen, damit es mich schafft. Der Solarer Berg ist nicht nur wegen seines Anstiegs berühmt, sondern vor allem auch weil sich dort besonders viele Zuschauer am Straßenrand versammeln und eine immer enger werdende Gasse bilden. Hier kann man dann nicht mehr überholen. Hier gibt der langsamste das Tempo an und diejenigen, die hinten bleiben müssen ärgern sich wohlmöglich über diese Tussi, die da mit ihrem beknackten Lippenstift die Truppe anführt. So dachte ich jedenfalls, als ich am Fuße des Hügels einen Blick nach hinten warf und mindestens 10 dicht auffahrende muskelbepackte Athleten strampeln sah.

Ich trat in die Pedale, um diese Peinlichkeit zu beenden und fuhr furchtlos auf die sich mir traditionell in den Weg stellenden jubelnden Zuschauer zu, die immer im letzten Moment gekonnt zurücksprangen und ihr Vergnügen dabei hatten. Dadurch wurde diese Anforderung recht kurzweilig. Bei der zweiten Runde waren nicht mehr ganz so viele da, aber die übriggebliebenen Anwohner legten sich dafür doppelt ins Zeug. Es war wirklich atemberaubend und ergreifend, mit welchem Engagement und Herzblut die Einwohner der Gemeinden sich hier einbrachten

Irgendwann entdeckte ich eine Profikamera, die auf mich zielte und wusste sofort, dass das Stefan war, der gerade auf den Auslöser drückte. Ich jubelte ihm zu und mein Herz hüpfte vor Freude, ihn endlich zu sehen. Viele Facebookfreunde, die ich nur aus dem Netz kannte, standen an der Radstrecke und feuerten mich an, endlich sah man sich mal in Natura.

Die Laufstrecke entpuppte sich als monotone, zum größten Teil einsame und schattenlose Strecke, wobei es anfangs kontinuierlich bergan ging. Nach wenigen Kilometern begegnete mir die Vorjahressiegerin Yvonne van Vlerken, den Blick entschlossen fest auf den Boden gerichtet, die letzten wenigen Kilometer dem Ziel zustrebend. Mit genügend Abstand folgte ihr Anja Beranek. Yvonne musste sich nach einer Radbestzeit, die sie an den Tag gelegt hatte, mit dem dritten Platz zufrieden geben, da sie auf der Laufstrecke heftige Magenprobleme quälten.

Anfangs lief ich die von mir angestrebte Pace-Zeit, doch dann merkte ich schnell, dass ich auf der Radstrecke ein paar Körner zuviel verschossen hatte, um eine 6:00 durchzulaufen. Ich bekam jedesmal schlechte Laune, wenn ich auf meine Uhr schaute. Es gab nur wenig Zuschauer und ich vertrieb mir die Zeit mit dem Durchrechnen meiner Zielzeit. Ich ließ fast keine Labstation aus und trank im Gehen ein paar Schlucke Wasser und drückte mir Gel in den Mund und versuchte es sofort hinunterzuspülen. Auch bei den Wassermelonen griff ich zu, tauchte sie in Salz und biss in die Zirtonenachtel. Schließlich musste ich dann auch aufs Dixie, was mich wieder maßlos ärgerte… warum hatte ich auch wieder so viel gefressen?!
Ich schwor mir: Das war meine allerletzte Langdistanz. Nie wieder. Never ever. So eine Trainingsquälerei und dann so eine schlechte Zeit.
Schlechte Zeit? Wie kam ich da drauf? Ich rechnete nochmal nach. Noch 10 Kilometer, dann wäre ich im Ziel, also ungefähr 65 Minuten. Das bedeutete, dass ich immerhin 10 Minuten schneller als letztes Jahr auf Mallorca und sogar 30 Minuten scheller als in Frankfurt war.

Das Lächeln kehrte zu mir zurück und blieb bei mir, bis ich unter dem lauten Jubel der Zuschauer, unter denen sich auch nun mein Schatz befand, auf der Zielgeraden ins Ziel kam.
Die Zielverpflegung war OK, ich hatte kaum Hunger, duschte und ließ mich, ohne warten zu müssen 30 Minuten massieren. Die Zielparty war gigantisch. Der Veranstalter hatte den Nachmittag im Krankenhaus verbracht und den Angehörigen eines Schwimmers beigestanden, der beim Schwimmen einen Herzanfall erlitten hatte und dann, trotz sofortiger Rehamaßnahmen im Krankenhaus gestorben war.

Dieses 15jährige Challenge- Jubiläum hatte also leider auch ein trauriges Ereignis zu vermelden. Dennoch überwog der Trauer dann doch die freudige Tatsache, dass Jan Frodeno den Weltrekord von Andreas Raelert (7:41h) beim Langdistanz-Triathlon mit einer Superzeit von 7:35h gebrochen hatte, die sehr wahrscheinlich noch einige Jahre Bestand haben würde. Er und die amtierende Weltrekordhalterin Chrissie Wellington empfingen die letzten Zieleinläufer, die gefeiert wurden, wie die ersten.

Die Abschlussrede von Felix Walchshöfer, dem Familienoberhaupt der Challenge, war sehr bewegend und emotionsgeladen. Am Ende stand er eng umschlungen mit seiner Familie auf der Bühne, es war, als würden sie nicht nur sich, sondern auch alle Zuschauer, Teilnehmer und Helfer in ihren Familienkreis miteinschließen. Am Himmel spielte sich zur klassischen Musik ein furioses Feuerwerk ab; passend zu den großen Gefühlen, die uns alle an einem solch großen Tag bewegen und uns zu einer großen Familie zusammenwachsen lassen:

WE ARE CHALLENGE FAMILY.