Besteigung des knapp 7000 Meter hohen Aconcagua über die Guanacos-Route

Soeben noch die klirrende Kälte aus Deutschland im Nacken, sitzt einem hier in Santiago de Chile der Schweiß auf der Stirne. Etwas umständlich gestaltet sich die Beschaffung der Besteigungserlaubnis für den höchsten Berg des amerikanischen Kontinents, den 6.960 m hohen Aconcagua in Argentinien. Dafür muss man die siebenstündige Busfahrt in Kauf nehmen und dann in Mendoza, in der Via San Martin, in einem wirklich prachtvollen Bauwerk, bei der Subsecretaria das Permit persönlich beantragen.
Schließlich führt der Weg nach Penitentes und nach einer vorläufig letzten Nacht im bequemen Hotel, kann endlich die Expedition zum Cerro Aconcagua, einem der „Seven Summits“, beginnen.
Die Guanacosroute, im Angebot vom DAV- Summitclub, ist eine noch nicht überlaufende Route, welche um einiges länger und beschwerlicher ist als der Normalweg. Durch den langsamen Höhengewinn allerdings, wird beste Akklimatisation garantiert. Außerdem ist eine Umrundung und Überschreitung vorgesehen, abgestiegen wird über den häufig begangenen Normalweg.
Auch wenn die Guanacosroute weniger frequentiert ist, wandert man nicht allein durch das malerische Vacastal mit seinen sanften Hügelketten und der unberührten Natur. Den einen oder anderen Menschen mit gleichem Ziel wird man schon treffen, wenn man dann auch von manchen Abschied nehmen muss, falls er den Weg zum Gipfel über den Polengletscher nimmt, der beim Refugio Casa de Piedra nach Westen abzweigt.

Aber zunächst beginnt die Tour am Punta de Vacas, (2.408m) und die erste Station ist Refugio Pampa de Lenas 2.867m. Hier ist alles noch recht komfortabel, da die Mulis das Gepäck tragen und das Klima angenehm ist. Da lässt sich leicht das Zelt aufbauen und einrichten, wenn sich die Wanderer danach mit hungrigen Mägen an den gedeckten Tisch setzen können und von der Küchenmannschaft, welche auch Guidefunktion hat, köstliche argentinische Steaks und Rotwein serviert bekommen.
Auf dem Weg zum nächsten Refugio, Casa de Piedra, wird eine federnde Brücke überquert, die zu übermütigen Hüpfern und Sprüngen reizt, was jedoch nicht alle Expeditionsteilnehmer zu Schätzen wissen. Ab hier wandert man linksseitig des Rio de las Vacas, welcher die Farbe von Dulce de Leche hat, einer argentinischen Köstlichkeit aus Zucker und Milch, an der man, sobald man Argentinien betreten hat, nirgends vorbei kommt, da sämtliche Nachspeisen, Kuchen und Schokoriegel mit dieser hellbraunen Klebrigkeit gefüllt sind. Es ist schön am Fluss zu sitzen und die heißen Füße in Dulce de Leche zu tauchen. Auf einem Hügel schauen in sicherer Entfernung Guanacos dem bunten Treiben der Karawane mit den vielen Mulis zu und ein stolzer Kondor zieht majestätisch seine Kreise. Kurz vor dem Casa de Piedra (3.245m) hat man einen wunderbaren Blick auf die Südostseite des Aconcaguas mit dem Einstieg der Polenroute und seinem, in der Sonne glitzernden Polengletscher.
Nach einer äußerst windigen Nacht wird es langsam ernst: der Fluss muss überquert werden. Der jedoch hat an dieser Stelle eine stattliche Tiefe, was Menschen unter 1,65m Probleme bereiten könnte. Für ein nicht gerade geringes Entgelt erklären sich die Mulitreiber bereit, die Gruppe per Mulis durch den Fluss zu führen. So werden die Kameraden mehr oder weniger sanft über den reißenden Rio de las Vacas geschaukelt. Dann verabschieden sich die Gauchos und ziehen mit dem Gepäck weiter zum Basislager. Der Fluss muss noch einige Male mit Hilfe von Sandalen durchschritten werden, was besonders die kleineren Leute bis zum Bauchnabel unangenehm eisig zu spüren bekommen. Hier ist schon Durchhaltevermögen gefragt, denn wer zu langsam geht, oder zögerlich ist, wird erbarmungslos mit den Wellen fortgerissen. Aber die kraftvolle Sonne, vor der man sich hier hüten sollte, trocknet alles in Windeseile und nichts deutet mehr daraufhin, was für ein Abenteuer man gerade überstanden hatte.

Im Basislager, Plaza de Guanacos (3.750m), steht nun ein Mannschaftszelt. Das ist auch gut so, denn der Wind ist heftiger geworden und sobald die Sonne verschwindet, wird es kühl. Ab hier muss man das Gepäck selbst transportieren und es werden die Hochlager eingerichtet. Das Essen für die nächsten 10 Tage wird ausgegeben und die Gaskocher werden verteilt.
Nach einem weiteren Tag im Basislager zur Akklimatisierung müssen die ca. 17kg schweren Rucksäcke über Schotter und Sand und durch mühseliges Büßereis zu Lager I (4.250m)gebracht und der Inhalt im Schutz von Plastiktüten, mit Steinen beschwert zurückgelassen werden, während man sich wieder ins Basislager begibt.
Am nächsten Morgen baut die Gruppe die Zelte ab, rollt die Schlafsäcke zusammen und bricht erneut mit den restlichen Sachen zu Lager I auf. Von dort gibt es eine beeindruckende Aussicht auf die Gletscher der Cordillera de Los Penitentes.
Ab jetzt heißt es: selber kochen. Das Abendessen gibt es in Form von Trockenfutter, welches mit heißem Wasser aufgefüllt wird und das man zehn Minuten ziehen lässt. Anschließend hat man Hühnchencurry, Böf Strogganoff, Zigeunertopf, oder was man sich sonst für den Abend erwählt hat. So schlecht scheint das Essen, bis auf den Zigeunertopf, nicht zu sein, denn fast alle sitzen zufrieden vor ihren kleinen Zelten, in denen man sich zum Teil zu dritt drängelt, löffeln ihr Tütenessen und schauen auf den Sonnenuntergang, der die riesigen Büßereisfelder in ein magisches Licht taucht.

Durch diese riesigen Büßereisfelder geht es am anderen Tag weiter hinauf zu Lager II. So schön diese eigentümlichen Eisgebilde sein mögen, so machen sie ihrem Namen alle Ehre: man muss schon Schlimmes verbrochen haben, dass man, bepackt mit schwerem Rucksack, durch diesen Irrgarten auf dessen Eiszacken auf und ab klettern soll. Aber auch das größte Büßereisfeld hat ein Ende und zur Belohnung gibt es jetzt einen Schutthügel, dessen Untergrund bei jedem Schritt nachgibt und wo ein eiskalter Wind die Nasen gefrieren lässt. Beim Rückweg zum Lager 1 freut sich jeder auf sein windgeschütztes Zelt und ein gutes Böf.
Tags drauf geht’s noch mal zum Lager II und man richtet sich mit den restlichen Sachen fertig ein.
Diese Nacht war besonders kalt, denn auf den Schlafsäcken entdeckt man beim ersten Augenaufschlag eine Eisschicht. Auch die Innenwände des Zeltes sind mit einer dicken Raureifdecke belegt. Daran allerdings wird man sich gewöhnen müssen, denn hier ist erst Lager II (4.740m). Gleich wird das Depot im Lager III (5.359m) eingerichtet. Dazu muss heute ein ordentliches Steilstück und wieder jede menge Büßereis hinter sich gebracht werden. Die Mühe hat sich gelohnt: der Aconcagua scheint zum Greifen nahe. Stück für Stück tastet man sich an den Giganten heran. Man gewöhnt sich langsam an die Strapazen und nimmt auf dem Rückweg den Wetterumschwung mit Schneefall gelassen hin.
Morgens, bei aufgehender Sonne, bricht die Gruppe, welche sich mittlerweile sehr gut zusammengefunden hat, früh auf, da das Wetter wieder gegen Mittag umschlagen wird. Der Bergführer, Albert Kirschner, scheint ein Wetterfrosch zu sein, denn seine Prognosen waren bisher äußerst Treffsicher. So auch, als Lager III erreicht wird. Es bleibt gerade noch Zeit, die Zelte aufzubauen und Wasser zu holen, bevor der Schneesturm einsetzt und man sich für den Rest des Tages verkriechen kann. Manche Teilnehmer sind so erschöpft, dass sie kaum die Nase aus dem Zelt stecken. Aber einige Dinge müssen dann doch erledigt werden. Hier oben wird es schwieriger mit Wasserholen, denn nur wenn die Temperaturen es zulassen, kann man aus einem Rinnsal Wasser schöpfen. Ansonsten muss das Wasser gesucht werden. Unter der Schnee- und Eisdecke ist an manchen Stellen schwach das Gurgeln des Wassers zu hören, dort wird ein Loch ins Eis geschlagen aus dem geschöpft werden kann, bis es wieder zufriert. In dem mühsam gewonnenen Wasser befinden sich viele kleine Steinchen, aber es ist ansonsten sauber.
Am frühen Abend, bei Sonnenuntergang, gibt der Himmel die Berge frei, welche zu Füßen des Lagers in einer Wolkenhülle verborgen lagen und die endlosen schneebedeckten Gipfel der Anden glänzen golden in der Sonne.

Der folgende Tag ist ein Ruhetag, welchen alle dankbar annehmen. Die Sonne scheint, aber es ist bitterkalt, es gibt kein Wasser, Schnee muss geschmolzen werden. Viel Schnee, man soll viel trinken. Alles fällt schwerer, strengt an. Am liebsten bleibt man geschützt vor dem Wind im Zelt, bis Albert seine Schäfchen aufscheucht, um ihnen den neugierigen Fuchs zu zeigen, welchen er auf einem Felsvorsprung direkt vor seinem Zelt entdeckt hat. Da es hier, wo kein Grashalm mehr wächst, eigentlich kein Beutetier für einen Fuchs geben kann, müsste er sich auf Expeditionsteilnehmer eingestellt haben, oder zumindest auf das, was von ihnen übrig bleibt.
Das Depot für Lager IV wird am nächsten Tag in Angriff genommen. Vorbei an den Überresten eines abgestürzten Hubschraubers geht es noch mal 500Hm aufwärts. Bei einigen machen sich leise Kopfweh bemerkbar und die Kondition lässt etwas nach. Aber: „Es ist alles im grünen Bereich“, meint Albert und der muss es wissen, – misst er doch allen gewissenhaft jeden Morgen und jeden Abend per Oximeter den Puls und die Sauerstoffsättigung im Blut.
Der Blick vom Lager IV ist überwältigend. So etwas kennen die Meisten höchstens aus dem Flugzeug, aber hier steht man mittendrin. Man kann es kaum fassen, – bis zum Horizont: unzählige weiße Bergspitzen, Gletscher, Schluchten und Täler, die in der unendlichen Tiefe verschwinden zu scheinen.
Beim Abstieg in einem dichten Nebel aus Schnee zum Lager III wird es eiskalt. Aber dort angekommen scheint die Sonne wieder und es wird so heiß im Zelt, dass es einen nach draußen in den frisch gefallenen Schnee treibt. Abends schneit es erneut und es muss darauf geachtet werden, dass die Schneelast auf den Zelten nicht zu schwer wird. Deshalb hört man bis tief in die Nacht, wie immer wieder gegen die Zeltwände geklopft wird, um sie vom Schnee zu befreien.
Trotzdem sind alle Zelte am nächsten Morgen, vor allem ringsum, tief eingeschneit. Zum Glück sind die Verankerungen nicht festgefroren, da es sonst größte Schwierigkeiten geben würde, die Zelte abzubauen. Zum letzten Mal mit schwerem Rucksack aufsteigen! Lager IV (5.859m) ist das letzte Hochlager vor dem Gipfel. Nach dem Gipfeltag geht’s nur noch abwärts, zunächst ins Lager Plaza de Mulas.

So schnell hatte man die Zelte bisher noch nicht aufgebaut, wie heute. Mit dem Wasser ist hier oben nun endgültig vorbei, aber da es viel geschneit hat, liegt genug Schnee herum und jeder kann sich mit der Schaufel bedienen. Es dauert lange, bis man das Teewasser für seine Thermoskanne zusammengeschmolzen hat. Mit dem Trockenfutter hat jetzt so mancher seine Schwierigkeiten, denn die künstlichen Aromen und Geschmacksverstärker, welche man beim Essen schmeckt und riecht, begegnen einem bei der Ausscheidung derselben in gleicher Intensität wieder, was während der nächsten Mahlzeit erheblich den Appetit dämpft und zur Folge hat, dass bei einigen, trotz der zu erwartenden Anstrengungen des nächsten Tages die Küche kalt bleibt.
Unglaublich, wie schnell die letzten Tage vergangen sind. Albert mit seinem Gespür für Wetter hat vorgeschlagen, dass um drei Uhr aufgestanden werden und um fünf Uhr Aufbruch zum Gipfelsturm sein sollte, da morgens noch die Sonne scheinen wird. „Wir werden ihn niederkämpfen, den Gipfel! Und die Canaletta, – die machen wir einfach platt!“ Albert ist zuversichtlich, dass viele morgen ihr Ziel erreichen werden. Man hat bis zum Mittag Zeit, um auf den Gipfel zu kommen, danach würde das Wetter wieder umschlagen. Jetzt werden manche Leute nervös. Zwei kündigen an, am nächsten Morgen statt des Gipfels, gleich die Überschreitung nach Plaza de Mulas zu nehmen. In dieser Nacht ist der Schlaf bei den meisten ziemlich dünn, oder bleibt sogar ganz aus.
Um drei Uhr sind alle wach und nur einer von den beiden macht seine Ankündigung wahr und steigt später nach Plaza de Mulas ab.
Mit den Stirnlampen, Sturmmützen, den dicken Handschuhen und den Expeditionsschuhen hat man in der Kälte bei der Dunkelheit seine liebe Not, man kommt mit den zwei Stunden gerade so hin. Das Frühstück ist bei den meisten ausgefallen. Um fünf Uhr sind alle fertig und es geht endlich los.
Im schwankenden Licht der insgesamt 16 Stirnlampen macht man die ersten langsamen Schritte in Richtung des ersehnten Zieles. Auf dem Rücken diesmal nur das Nötigste, wie Steigeisen, Getränke und Müsliriegel. Nach kurzer Zeit schon steht für den ersten fest, dass er Aufgrund seines hohen Pulses den Aufstieg aufgeben und umkehren muss. Er wird von einem der argentinischen Guides begleitet. Es ist immer noch stockfinster, als sich ein zweiter meldet, seine kalten Füße beklagt und ebenfalls kehrt macht. Am Himmel ist ein schmaler Lichtstreifen, als die Steigeisen angezogen werden und in der Morgenröte lässt es sich schon etwas leichter aufsteigen. Zwei aus der Gruppe haben sich fünf Stunden Gehzeit bis zum Gipfel als Ziel gesetzt und man sieht sie jetzt nur noch als Punkte. Bald ist die berüchtigte schier endlose Traverse erreicht, wo die meisten Bergsteiger umkehren: ein schmaler vereister Steig in einem vom Wind gepeitschten Kanal, auf welchem man nicht ins Stolpern oder Rutschen kommen sollte, denn hier geht es mindestens 2.000m ungebremst abwärts, was schon manchen das Leben gekostet hat. Die Traverse scheint kein Ende zu nehmen. Die Pausen werden knapp gehalten und langsam beginnen sich Nachzügler zu bilden. Am Horizont sind bereits erste Wolken zu erkennen. „Leute ihr müsst kämpfen!“ spornt Albert die Truppe an. Endlich ist der Einstieg der gefürchteten „Canaletta“ erreicht. Hier scheint der Gipfel schon zum Greifen nahe. Jetzt wird es auf ca. 300Hm nochmal richtig steil. Der unangenehme Schotter liegt unter einer Schneedecke, was das Vorwärtskommen etwas erleichtert. Doch angesichts dieses langen, steilen Pfades verlässt wieder jemanden der Mut und er kehrt um. „Ihr müsst kämpfen! Niemand bekommt den Gipfel geschenkt. Strengt euch an! Ihr müsst ihn euch verdienen!“ versucht Albert die nächsten Schwächelnden wieder aufzubauen. Es gelingt. Die restlichen fünf Männer und eine Frau nehmen ihre ganze Kraft zusammen und ziehen in einer Reihe kontinuierlich nach oben. Die Abstände zwischen den einzelnen winzigen Pausen werden zwar immer kürzer, aber es geht stetig voran. In den Pausen wird nach Luft gerungen und keiner verliert ein Wort zuviel. Die Entfernung zum Gipfel scheint sich nicht verringern zu wollen. Nur nicht hochsehen! Irgendwann muss man doch ankommen, ankommen, ankommen…. Am oberen Ende der Canaletta trifft die Gruppe auf die beiden ehrgeizigen Vorausgeher, welche bereits ihr Ziel erreicht haben. Hier beginnen die letzten 50m, die in Form von Felsstufen schnell zu überwinden wären. Aber nicht bei fast 7.000m. Diese letzte Aufgabe zehrt nochmals an den schon fast völlig aufgebrauchten Kräften, – aber man hat doch immer mehr Reserven, als man glaubt.
Ganz plötzlich und unverhofft steht man nach noch nicht mal sechs Stunden auf dem Ziel seiner Träume: auf dem höchsten Berg Amerikas, dem 6.960m hohen Aconcagua, dem „Steinernen Wächter“ über den Anden. Der Wind hat Pause gemacht und so ist der Aufenthalt auf dem Gipfelplateau angenehm, was äußerst selten ist. Die Aussicht ist atemberaubend. Der Blick auf die gefährliche Südwand lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. An diese Lawinenträchtige Steileiswand, mit 2.000m die höchste der Erde, wagen sich nur Bergsteigergrößen, wie zum Beispiel Reinhold Messner heran. Ringsum sind die Andenberge kurz davor sich unter einer Wolkendecke zu verschanzen und es werden schnell noch Fotos gemacht, bevor es mit der schönen Aussicht zu Ende geht. Alberts Timing war wieder exakt, die Wolken türmen sich langsam zu einem bedrohlichen Haufen zusammen. Ungefähr 120Hm weiter unten kann man entdecken, wie ein Nachzügler der Gruppe sich zur Umkehr entscheidet. Ein harter Entschluss, angesichts des nahen Zieles. Das verhältnismäßig winzige Gipfelkreuz ist umwickelt und behangen mit Gebetsfahnen, Aufklebern, Wimpeln, Schals, Fotos und irgendwelchen Glücksbringern. Ein letzter Blick auf das seltsam anmutende Kreuz und der Abstieg beginnt. Jetzt macht sich die Anstrengung vom Aufstieg bemerkbar. Bei zwei der jüngeren Teilnehmer zittern die Beine so stark, dass sich Albert mit ihnen ganz langsam, mit vielen Pausen nach unten arbeitet, während die anderen fröhlich abwärts steigen und selbst der aufkommende dichte Nebel mit Schneefall kann ihre Gipfelsiegeslaune nicht trüben.

Sogar nach diesem gewaltigen Tag mag sich bei den meisten immer noch kein rechter Appetit einstellen, aber die Aussicht auf das Tütenessen ist auch nicht gerade verlockend. So vertröstet man sich auf den nächsten Abend, wenn man sein Lager in Plaza de Mulas aufgeschlagen hat.
Der Weg dorthin am nächsten Morgen ist zunächst vereist und so steil, dass die Steigeisen wieder her müssen. In den Rucksäcken befindet sich nun das gesamte Gepäck der Expeditionsteilnehmer, das man beim Aufstieg jeweils in zwei Etappen transportiert hatte. Manch ein Rucksack weist jetzt über 30kg auf, was den Abstieg deutlich erschwert. Nach einer Weile können die Steigeisen wieder entfernt werden und es geht in scheinbar endlosen Serpentinen bergab. Einige Male sieht man jemanden durch den Schnee kugeln, den es mit dem schweren Gewicht auf seinem Rücken aus der Spur geworfen hat. Nachdem das Hochlager Berlin, die letzte Station für die „Normalwegler“, denen man hier mitfühlend begegnet, passiert ist, sind schon bald die ersten bunten Punkte der Zeltstadt Plaza de Mulas zu sehen.
Dort kommt man sich fast wie in einer Stadt vor. Es gibt alles, was das Herz die letzten Wochen entbehren musste. Als erstes werden alle mit vielerlei Sorten Pizza gefüttert, bis satt und zufrieden abgewinkt wird. Zum Abschluss des Tages präsentiert sich der Aconcagua in der untergehenden Sonne in einem fast schon unwirklich goldenen Licht, das sämtliche Einwohner Plaza de Mulas aus ihren Zelten treibt und ehrfürchtig zu ihm aufblicken lässt. Eine schöne Gipfelparty steigt am Abend mit Sekt, Rotwein, Bier und köstlichen Hähnchenkeulen. Zum Nachtisch gibt es noch eine riesige Gipfeltorte. Wer danach noch nicht genug hat, geht in ein Kneipenzelt, wo argentinische Träger, welche auf Jobs warten, feurige Lieder zur Gitarre singen.
Trotz der langen Nacht bauen alle schon früh am Morgen die Zelte ab, denn jetzt steht ein 40km langer Marsch durch das Horconestal bevor. Auf dem Rücken befindet sich der nur Tagesrucksack, denn für den Rest der Sachen stehen wieder die Mulis bereit. Weit reicht das Auge ins Tal hinein und wenn man nicht ab und zu aufblickt und in all ihrer Herrlichkeit die gleißend weiße Südwand des Aconcagua erscheint, kommt einem das riesige ausgetrocknete Flussbett wie eine Mondlandschaft vor. Verendete Mulis liegen vereinzelt im Geröll und von manchen ist nur noch das Skelett zu sehen. Immer wieder muss der jetzt angeschwollene Fluss durchquert werden. Doch bald wird es freundlicher, die Hügelketten faszinieren mit kühnen Farben und langsam kommen die ersten zarten Pflanzen zum Vorschein. Nach und nach wird man schließlich mit üppigen, bunten Blumenrabatten beglückt und dichtes saftiges Gras verwöhnt den nackten Fuß in den Pausen. Am Lager Confluencia gibt es eine letzte große Rast, bevor der Weg die Truppe schließlich vorbei an der Laguna Horcones zum Eingang des Nationalparkes führt. Wie zum Abschied schwebt hoch oben noch einmal ein schöner Kondor und lässt damit das Abenteuer stimmungsvoll ausklingen.

Wieviel Glück diese Expeditionsgruppe mit dem Wetter und ihrem Bergführer hatte, zeigt ein Besuch auf dem „Ausländerfriedhof“, welcher eigens für Bergsteiger angelegt wurde, die am Aconcagua ums Leben kamen und nicht in ihrer Heimat beerdigt wurden. Über vierzig Menschen, darunter auch deutsche, liegen hier begraben. Die auf einem kleinen Hügel angelegten Gräber sind zum Teil mit Fixseilen, Fotos und Bergschuhen geschmückt. Auf der Spitze des kleinen Berges steht über allem ein weißes Kreuz.